Liebesleid auf doppeltem Boden: Daniel Knox. - © Mr. King
Liebesleid auf doppeltem Boden: Daniel Knox. - © Mr. King

Biografisch wird ins Feld geführt, dass sich der Mann im Brotberuf als Filmvorführer in Chicago verdingt und aufgrund der dort getätigten Spätschichten nicht nur von der Cineastik selbst, sondern auch vom Nachtleben inspirieren lässt. Dieses lauert im konkreten Fall zwischen Abspann und Sperrstunde als Versprechen im Morgengrauen.

Man kann also annehmen, dass Daniel Knox sein aktuelles Album nicht zufällig "Chasescene" betitelt hat - obwohl die darauf gehörten Songs mit Verfolgungsjagden aus handelsüblichen Actionfilmen, die Benzinbrüderüberschläge auf dem Highway, das alte Räuber-und-Gendarm-Spiel mit Tatütata oder einen Dreh beim örtlichen Bestatter inkludieren, exakt nichts zu tun haben. Nein. Weil der 38-jährige US-Songwriter in seinem Werk mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit doppelte Böden verlegt und es vom ironischen Blick hin zum heiteren Zynismus nie weit ist, verstecken sich hinter "Chasescene" die etwas anderen "Love Songs". Die schauen konsequent in den Abgrund und lassen nur einen Schluss zu, an den man sich noch über den Hamburger Nasalrapper Jan Delay erinnert: Alles ist vergiftet.

Falsche Fährten

Ein Schlüsselstück des Albums heißt folgerichtig "The Poisoner". Der von Kollegin Nina Nastasia eingesungene Song fällt gleichfalls auf autobiografisch fruchtbaren Boden. Immerhin blickt Daniel Knox auf eine Partnerschaft zurück, in der ihm über Jahre hinweg das Essen vergiftet wurde. Songwriting als Rache klingt übrigens so: "I come straight to bed / Quiet as a mouse / Chase you all over the goddamn house / But you don’t chase back / You can’t even check / Wear this song around your neck." Allerdings ist das bei Weitem nicht die giftigste Stelle dieser gut und gerne galligen Songs, für die sich Knox vor allem ein Kunststück erlaubt.

Wir hören zwar mitunter betrübt im Dreivierteltakt mit greinenden Streichern, heulenden Steelgitarren oder traurigen Trompeten, sehr oft aber auch heiter schwingend und sanft swingend auffahrenden Kammerpop zwischen Streichquartett und Cabaret-Einschlag, der die Text-Ton-Schere sehr, sehr weit aufgehen lässt. Dieser Mann kann den Grundton trügerisch auf Kaminfeuerromanze stellen und uns auch mit seiner zärtelnden Singstimme auf falsche Fährten führen: "You didn’t even pack your bags yet / Cause everything you own is mine / How time can wear you down / I didn’t think to your replacement / You didn’t even leave a hole / I hope you find a place to rest your talentless soul / If you should leave me / God help you / If you should leave me now!"

Bei "Me And My Wife" will ein Ehepaar einkaufen gehen und entführt ein Kind. Zum Countryschlager "Leftovers" entpuppt sich ein vorgeblicher Frauenheld als Ungustl aus dem Holz. Und welche Tatbestände bei "Mrs. Roth" erfüllt werden, verrät der sadistische Ich-Erzähler erst gegen Ende: "I put something in your drink / Can you guess what it is? / I’d rather not say / Shhh . . . Shall I untie you now?"

Als prominenter Gastsänger leistet für die Single "Capitol" Chef-Ironiker Jarvis Cocker wichtige Schützenhilfe. Wenn Daniel Knox am kommenden Montag (4. Februar) in der Scherbe in Graz und tags darauf im Wiener Fluc gastiert, wird es aber auch ohne ihn toxisch werden: "I hold your hand / but break all the fingers". Love is hell.