Schon mit dem Einstieg verschafft sich diese Platte einen Bonus: Was soll man gegen einen Song sagen, der anfängt wie "Fire Engine On Fire, Pt I", einem Glanzlicht des berauschenden Flotation-Toy-Warning-Albums "Bluffer’s Guide To The Flight Deck"? Doch den Appell an historisches Sentiment bräuchte es gar nicht, um Kahlenbergs irrwitzigem Debütalbum "Dirty Penzing" zu verfallen.

Eigentlich dominiert den Wiener Pop ja der Prolo-Schmäh. Ostbahn-Kurti, Alkbottle, kurzzeitig auch Ulli Bäer haben darauf ihr Image gegründet; Ambros, Danzer und - seltener - Der Nino aus Wien haben gerne damit gespielt. Hier geht es nicht darum, wie Sigi Maron eine proletarische Haltung in echt zu vertreten, sondern in ostentativer Distanz zur seinerzeit in Wien recht dominanten Hochkultur gefühlige Unterschichten-Nähe zu demonstrieren.

Kokoschka und Kokain

Kahlenberg positionieren sich genau auf der anderen Seite. Sie kommen - diese Metapher muss angesichts des Bandnamens einfach sein - von oben herab: präsentieren sich als degenerierte, infantile Snobs aus begütertem Milieu, die das Geld ihrer Eltern mit Suff, Drogen, Cabrios, Markenkleidung und dergleichen durchbringen.

Verwöhnte Pimpfe, die den von der Mutter geschenkten Kokoschka achtlos auf dem Perserteppich herumliegen lassen. Grinzing, Höhenstraße, Tennisplätze und Eissalons sind die Lebensräume, wo sie ihre Tage verbringen. Schampus, Marschierpulver und andere Rausch- und Betäubungsmittel, denen Katerstimmung und der etwas bemüht deutsch adaptierte "Kalte Truthahn" folgen, füllen die Löcher, die Sinn- und Geistlosigkeit in ihre Hirne gegraben haben.

Gleich am Anfang, bei "Mozart", treffen wir auf einen, der im Schädel ganz schwindlig ist und verkehrt am Plafond hängt. So derangiert finden wir den Protagonisten immer wieder vor: "Wie soll ich wissen, wer ich bin / wenn ich nicht weiß, wie man nach Grinzing findet?"

Zwischendurch wird einmal herzhaft in affektiertem Denglisch geschimpft: "Du bledes Viech, du deppates / zahst mich down mal more mal less". In eine fast Prince-würdige Metaphorik versteigt sich hingegen "Tennis": "Ich will Rückhand üben / du lachst geil von drüben / du spielst mit meiner Gier - du Tier." Dann wiederum ertönt das Loblied auf die Vereinzelung: "Mir geht’s gut wie Zuckerwatte ohne dich."

Sind das Perlen der Dekadenzdichtung? Und was ist von einer Band zu halten, die sich nicht geniert, eine nominelle Steilvorlage wie "Julius-Ficker-Straße" für doofe Wortspiele und abgegriffene Assoziationen zu nutzen? Mit der gleichen Unverfrorenheit wird aber auch clever die Pop-Vergangenheit dieser Stadt ausgeweidet: "Hinter dir der Kommissar / drah di net um, er is schon da".

Vielfältige Form

Mit dem "Opernball", der derzeit die Fantasie vieler Künstler zu befeuern scheint (siehe etwa auch Franzobels neuer Krimi "Rechtswalzer"), gibt man sich sogar staatstragend: "Der Pinguin sitzt in der Bim und fährt den Ring entlang". Schließlich wird in "Zentralfriedhof" einer echten Institution der österreichischen Populärkultur gehuldigt: "Es führen viele Wege zum Zentralfriedhof / komm Schatzi lass mich und grab dein eigenes Loch".

Kein Wort ist da normal intoniert. Stattdessen ergeht sich Sänger Frank Hoffmann in unendlich blasiertem Näseln, verfällt sporadisch in durchdringendes Greinen und scheint beträchtliche Mühe zu haben, unkontrollierte Wutausbrüche im Zaum zu halten. Wer will, kann aus den Texten eine Sinn-/Existenzkrise der Wohlhabenden heraushören. Das ist möglich, aber nicht die Hauptsache. Was zählt, ist der Anschlag auf die Geschmacksnerven. Für diesen haben Kahlenberg eine erstaunlich versierte, vielfältige musikalische Form gefunden. Der David Bowie der Ziggy-Stardust-Zeit scheint da hin und wieder aufzublitzen, die Spritzigkeit der frühen Sparks und Roxy Music. Oder, etwas aktueller, Wolf Parade und Placebo.

Offen bleibt natürlich die Frage, wie lange und überzeugend die fünf nicht mehr blutjungen Akteure ihre Rolle als dekadente Schnösel spielen können. Jeder Versuch, ernst zu werden, "Anliegen" zu verbreiten - buchstäblich aus der Rolle zu fallen -, kann da Gift sein.