Zunächst sticht diese Stimme ins Ohr, die latente Ähnlichkeiten mit vor allem zwei Namen aufweist. Und für beide muss man aufgrund des Karriereverlaufs entweder die Erinnerungskiste, das Plattenregal oder die Festplatte bemühen: Mark Hollis stand einst mit seiner Band Talk Talk ("Such A Shame") für großen 80er-Jahre-Pop, ehe er rund zehn Jahre vor Radiohead den Radiohead-Weg der radikalen Neuerfindung einschlug und nach zwei experimentelleren Alben und einem späten Solodebüt allerdings direkt in den Ruhestand ging. Heute ist der Mann, von dem man seit dem Jahr 1998 im Wesentlichen nichts mehr gehört hat, im Popuniversum vor allem ein großes Fragezeichen. Einerseits: Respekt! Andererseits: Aber.

Vorleben im Indiepop

Scott Walker wiederum taumelte nach seinen Ursprüngen im Harmoniepop- und gehobenen Schlagersegment der Walker Brothers mit Jacques-Brel-Interpretationen und später bereutem Countrypop durch eine Solokarriere, die sich seit den 70er Jahren durch Veröffentlichungen im Zehnjahrestakt und etwas später auch durch toll-verstörende Arbeiten im Zeichen des Experiments und des Wahnsinns auszeichnete - woran sich zuletzt zumindest die Produktivität wieder geändert hat. Außerdem dürfte aufgrund des Vibratogesangs der Marke "Sehnsucht, zitternd" als Referenzgröße auch der Name Anthony Hegarty fallen, der heute als Anohni aber vor allem elektronische Gefilde durchforstet.

Am nun erscheinenden Debütalbum von Fabian Altstötter, der unter seinem Alias Jungstötter für diese Assoziationen verantwortlich ist, überrascht nicht nur, dass der Mann es mit seinen zehn im Zeichen des Kunst- und Leidensliedes zwischen Verlustballade und Begehrlichkeit gehaltenen Songs vergleichsweise klassisch anlegt. Auch hat der gebürtige Rheinland-Pfälzer mit nicht nur geografisch begründeten guten Beziehungen zu Max Gruber alias Drangsal im weitgehend gewöhnlichen Indiepop seiner im Vorjahr aufgelösten Band Sizarr kaum im Ansatz vorweggenommen, dass außerdem ein veritabler Balladenkaiser in ihm steckt. Eine interessante, weil unerwartete wie unerwartet eklektizistische Zusammenarbeit von Sizarr gemeinsam mit dem Schweizer Sänger Dagobert und Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten (!) für die Caspar-Single "Lang lebe der Tod" vor zwei Jahren sorgte aber für ein erstes Ausscheren - und erhöhte Aufmerksamkeit.

Vor der Veröffentlichung von "Love Is" wiederum konnte man einen Song daraus als Live-Duett Jungstötters gemeinsam mit Anja Plaschg alias Soap&Skin hören. Diese gab ihm, um im Vergleichsrahmen der poetisch betexteten Klavierballade mit Samtvorhang und Trauerflor zu bleiben, die PJ Harvey. Das von Max Rieger (Die Nerven) in Berlin aufgenommene Album aber bleibt eine auf den Newcomer selbst zugeschnittene Soloshow mit auf den Hintergrund beschränkter, aber gewinnender Bandbegleitung.

Angenehm unaufgeregt

Philipp Hülsenböck steuert unterschwellige Heimorgelsounds und spartanischen Synthesizer bei, Manu Chittka setzt auf Trommeltupfer und Beserlschlagzeug. Dazu gibt es markante Bassläufe, wie man sie von den Bad Seeds her kennt, abfedernde Vibrafon-Arrangements und schneidende (Twang-)Gitarren.

Selten werden diese auf den Punkt geschriebenen und eingespielten, durch die Bank innigen und einnehmenden Lieder von einem Fremdkörper aufgebrochen, wie das etwa am Ende des Titelstücks mit einem nachtschwarzen Trip-Hop-Beat geschieht, der unverkennbar an "Machine Gun" von Portishead erinnert.

Den zwischen Storytelling und Assoziation gerne zum Drama und zur Traurigkeit tendierenden Texten von Stücken wie "Sally Ran", "Black Hair", dem nahe am schwedischen Schmerzensmann Jay-Jay Johanson stehenden "I Wonder Why" oder dem Sperrstunden- und Hotelbar-Dramolett "The Rain" zum Trotz ist Jungstötter aber vor allem hoch anzurechnen, dass der Tonfall bei alledem grundsätzlich unaufgeregt bleibt - und auch musikalisch keine Virtuosität zur Schau gestellt werden will. Göttersongs wie das als Monument in der Mitte des Albums thronende "Wound Wrapped In Song" entfalten auch so ihre Wirkungsmacht.

An dieser Stelle und beim Titelsong ist es nicht zuletzt das Verlangen, das den inhärenten Kerzenschein dieser Kunst voll in Flammen aufgehen lässt: "Love is the sin that we waited for." Wir hören ein großes Talent - und ein Album wie ein eingelöstes Versprechen.