Von der Praxis zur Theorie. Und umgekehrt: Seit 35 Jahren machen Die Goldenen Zitronen aus Hamburg nicht nur Musik, sondern porträtieren auch die Gesellschaft des Spätkapitalismus samt ihren Individuen und deren Leben. Und sie machen dies mit Nachdruck, wodurch das Kollektiv mittlerweile eine der wenigen Ausnahmen in der weitgehend entpolitisierten Musikkultur darstellt. Seit ihrem Album "Punkrock" aus dem Jahr 1991 haben sich die Goldenen Zitronen von Bier- und Fun-Punk-Songs à la Die Ärzte losgesagt und mit Liedern wie "80 Millionen Hooligans" oder "Das bißchen Totschlag" Politik in die Musik gebracht.

Über die Jahre hinweg ist daraus ein eigener Sound geworden, der wohl am einfachsten als musikalische Collage beschrieben werden kann. So schöpfen Die Goldenen Zitronen aus der Musikgeschichte des vorigen Jahrhunderts (aktuell zum Beispiel bis zurück zu den 1930er Jahren durch ein Intro von Weinerts/Eislers "Der heimliche Aufmarsch"), vor allem durch Rückgriffe auf populäre Musiken wie Disco, Techno und Pop, aber auch auf Wave oder Punkrock der 1980er Jahre - und mischen Fragmente daraus neu zusammen. Bereichert wird dieser Mix dann manchmal sowohl mit Musik der Gegenwart als auch mit Gastsängerinnen und -Sängern.

Hinzu kommt neben dem eindringlichen Sprechgesang von Bandmitbegründer Schorsch Kamerun der Hang zum Experiment und der erfrischende Klang der verschiedenen Instrumente wie Kalimba und "Handy-Steel-Drum". Auf "More Than A Feeling", dem nun vorliegenden neuen Album der Band, klingt nicht nur jeder Song komplett anders, sondern auch innerhalb eines Liedes finden sich mitunter gleich mehrere Musikstile wieder. Markantes Beispiel eines solchen Stilbruchs ist der Song "Das war unsere BRD", auf dem die vielen Assoziationsketten von einem Sound der Marke Kraftwerk untermalt werden, um dann in einen von der Gitarre getragenen funky Disco-Teil überzugehen.

Keine Verschnaufpause

Wie bereits auf den Tonträgern zuvor wechseln sich die Musiker (von der Urbesetzung geblieben sind Ted Gaier und Kamerun, bereits seit einigen Alben mit dabei sind Julius Block von Die Sterne, Mense Reents, einst bei Stella, sowie Enno Palucca) an den Instrumenten und am Mikrofon immer wieder ab, was für weitere Abwechslung sorgt.

Für die neuen Songs wurde nichts dem Zufall überlassen, neben der ausgeklügelten Musik lockt auch die prägnante Sprache: Es sitzt ein jedes Wort. Alliterationen, Bildsprache oder Wortspiele pfeffern die ohnehin scharfen und schelmischen Texte: "Du siehst aus wie eine Katakombe" heißt es da etwa im Eröffnungssong, während schon allein im Titel "Heimsuchung" viel Inhalt steckt. Mittels Personalpronomen wiederum werden Identitäten erkundet, zum Beispiel, was es mit der Bedeutung "Volk" heutzutage auf sich haben könnte: "Um nur ‚ihr wir‘ sein zu können?", wird da gefragt.

"More Than A Feeling" ist ein aggressives Album, es gibt keine Verschnaufpause und es erinnert durch seine musikalische Dichte und Intensität sowie textliche Raffinesse an das Album "Lenin" (2006). Viel wird von Mauern gesungen, von der Tatsache dass sich die Leute heute, um unter sich zu bleiben, gerne einzäunen lassen - und dass viele Menschen gefährlich, weil ehrlich sind. Mittelklassepärchengespräche werden zum Besten gegeben, die Willfährigkeit wird besungen und Gastsängerin LaToya Manly-Spain beschreibt den nicht enden wollenden Paternalismus gegenüber sogenannten Minderheiten.

"More Than A Feeling" ist zugleich ein nerviger Weckruf für mehr Verstand. Gefühle kommen und gehen, man kann mit ihnen leicht Politik machen, Menschen mobilisieren und manipulieren. Das letzte Lied des Albums, "Die alte Kaufmannsstadt, Juli 2017" etwa handelt davon, indem es die "Rollenfestspiele" von Politik, Medien und Protestierenden besingt, die während des G20-Gipfels in Hamburg stattfanden.

Die Band singt dabei unter anderem auch über sich selbst und ihre Rolle, die sie während der Proteste einnahm. Praxis und Theorie eben. Oder umgekehrt.