Bücher über deutschsprachigen Rap gibt es schon. Das hat die Autoren Jan Wehn und Davide Bortot nicht davon abgehalten, die Geschichte des rhythmischen Sprechgesangs und der Hip-Hop-Kultur in Deutschland von den Anfängen in den frühen 1980er Jahren bis zur Gegenwart nachzuverfolgen. Über einhundert Szene-Protagonisten haben sie befragt - und ihre Aussagen zu einem schlüssigen Narrativ montiert.

Nachdem das Buch mit dem Titel "Könnt ihr uns hören?" in groben Zügen fertiggestellt war, begab sich Bortot, Ex-Chefredakteur der Hip-Hop-Bibel "Juice", in die Berliner Wuhlheide zum Tour-Finale der reformierten Beginner. Er befand sich dort in Gesellschaft von 18.000 Menschen. Am selben Abend besuchte Wehn, ehemaliger "Spex"-Redakteur und Mitgründer des Online-Magazins "All Good", in Rostock ein Konzert des Rap-Stars Marteria mit 33.000 Besuchern.

"Ganzheitliches Paket"

An diesem Abend, so die Autoren, waren in den deutschen Charts fünf der zehn bestplatzierten Stücke in deutschsprachigem Rap vorgetragen. "Deutschrap ist", schreiben Bortot und Wehn, "die größte und einflussreichste Popkultur des Landes. Vielleicht ist sie die einzige, die überhaupt noch zählt. Das ist einerseits normal - schließlich ist es kaum irgendwo anders auf der Welt. Andererseits ist es, wenn man in den Neunzigerjahren ermahnt wurde, die Hosen hochzuziehen und mal richtige Musik anzumachen, aber auch kompletter Wahnsinn." Und damit erübrigt sich die Frage nach der Legitimation dieses ambitionierten Werks.

Das Buch folgt einer in fünf Blöcke unterteilten Chronologie. Deren erster spannt sich von 1983 bis 1994 und beginnt mit dem Import des in New York entstandenen Idioms Hip-Hop "als ganzheitliches subkulturelles Paket aus Graffiti, Breakdancing, Rap und DJing", wie es Götz Gottschalk, Genre-Pionier und Musikmanager, ausdrückt. Eher epigonale Bemühungen auf Englisch weichen zunehmend deutschsprachigem Rap, der in Advanced Chemistry aus Heidelberg einen ersten Höhepunkt findet und mit Die Fantastischen Vier ein bis dahin unvorstellbares Erfolgspotenzial entfaltet.

Danach folgt "Die Neuzeit: 1994-2003" und konzentriert sich auf die in dieser Zeit dominanten Hamburger Acts wie Eins Zwo, Beginner oder Fettes Brot. Der dritte Abschnitt, "Die Berliner Republik: 1998-2007", ist fokussiert auf den aggressiven, schwer sexistischen Battle-Rap der Hauptstadt, mit dem etwa Sido und Bushido groß wurden.

"Die Postmoderne: 2006-2015" titelt Abschnitt Nummer vier, in dem Deutschrap in alle Richtungen expandiert und teilweise auch, wie Deichkind und Peter Fox vorführen, von der reinen Lehre abkehrt, um in den Jagdgründen von Techno und Elektropop zu wildern. Diese Tendenz zu stilistischer Entgrenzung, zu der auch Formationen wie K.I.Z. und Die Orsons beigetragen haben, setzt sich im letzten Block, "Die Jetztzeit: 2015-2019", fort.

"Echo"-Eklat

In diesem Abschnitt, der vor allem durch die forcierte Vermischung von Rap und Melodien geprägt ist, werden zwei Österreicher prominent erwähnt: Yung Hurn und Money Boy, der für den Medienkünstler Kurt Prödel "die einflussreichste Persönlichkeit im Deutschrap seit (Advanced-Chemistry-Mastermind) Torch" ist. Ansonsten findet übrigens aus Österreich nur noch der Journalist und Labelbesitzer Walter Gröbchen als A&R-Mann der Beginner Erwähnung. Bortot und Wehn begnügen sich indes nicht mit dem Nacherzählenlassen von Geschichte, sondern steuern ihre Chronik auch durch heikle Fahrwasser.

So bringen sie - angesichts des Eklats um Kollegah und Farid Bang beim "Echo" musste das sein - auch die indifferente Haltung mancher deutscher Rapper zu Gewalt, Rechtsradikalismus und Antisemitismus zur Sprache.

Dabei wird manifest, dass in Teilen der Szene kein Problembewusstsein ob solcher Attitüden und Einstellungen herrscht. Regelrecht desillusionierend fällt die Analyse des grassierenden Sexismus aus. So konstatiert etwa die arabischstämmige Berliner Rapperin Nura: "Frauen werden in dieser Szene nie denselben Wert haben wie Männer."