"Du hast es / Ich will es!" – Bilderbuch legen nach. - © Neven Allgeier
"Du hast es / Ich will es!" – Bilderbuch legen nach. - © Neven Allgeier

Erst dieser Tage ging die Band mit einer politisch unterfütterten PR-Aktion viral. Auf der Website bilderbucheuropa.love konnte und kann man sich einen fingierten EU-Pass ausstellen lassen, der die Einheit der Union im Zeitalter ihrer Gefährdung ebenso beschwört wie die europäische Idee als vormals große Verheißung.

Mit der Option auf ein drittes Geschlecht ist aber auch ein Gruß aus der Zukunft dabei, der mit einem Grundwert korreliert, dem Sänger Maurice Ernst mit der dazugehörigen Single "Europa 22" selbstverständlich in prototypischem Denglisch huldigt: "Ein Leben ohne Grenzen / Eine freedom zum Verschenken." Und das eingebettet in die Vorahnung eines Roadtrips, der als Sujet schon seit immer Schwerelosigkeit und Aufbruch bedeutet: "Schau durch das Fenster / bei ca. 120 km/h / Die Schilder sind immer / wie immer Elektrikblau."

Allerdings braucht sich weder die Zielgruppe noch die Laufkundschaft von Bilderbuch Sorgen machen, dass das Wahlwiener Quartett aus Kremsmünster anstelle der gewohnten superduper Funkytime mit Dada-Texten, Spaß-Solo an der Gitarre und einer Extraportion gespielter Witz in den Arrangements nun plötzlich die Proseminar-Version eines Popalbums liefern würde. Nein. Bilderbuch sind Bilderbuch und können da auch gar nicht aus ihrer Haut: Das wird bereits deutlich, wenn Maurice Ernst gleich eingangs im nervenstrapazierenden Verzerrgesang von "Kids im Park" trotz des gedrosselten musikalischen Tempos mit dem "Superspeed Spaceship" ans Licht fliegen will - oder er uns im Anschluss bei Song Nummer zwei mit jugendlichem Gröl- und Nölgesang daran erinnert, dass man manchmal tapfer und tolerant sein muss: "Ihr Busen hüpft, wenn sie den Frisbee catcht". Allerdings geht es in diesem Zusammenhang auch noch anderweitig einsichtig zu, wenn etwa die Zeile "Meine Erde ist flach" fallen wird.


"Vernissage My Heart" ist das mittlerweile sechste Album der Band - sowie das dritte nach ihrem endgültigen Durchbruch mit "Schick Schock" im Jahr 2015 und dessen Blockbusterhits in Gefolgschaft von "Maschin". Außerdem ist es das zweite Album, das Bilderbuch innerhalb von nicht einmal drei Monaten auf den Markt loslassen, ehe am 24. und 25. Mai ihr Open-Air-Konzertdoppelschlag vor dem Schloss Schönbrunn ansteht.

Zeichnete sich "Mea Culpa" im Dezember noch durch die Abkehr vom Mitsingsong und eine von Acid-Jazz- und 2-Step-Beigaben untermauerte Hinwendung zum Laptop aus, regiert auf den acht neuen Nummern nun wieder die Stromgitarre. Neben klassischer gehaltenen Referenzen an den Sound der Red Hot Chili Peppers ist es aber jederzeit möglich, dass eine aus der Musikgeschichte im Grenzbereich von R&B, Hip-Hop und (Neo-)Soul ausgeborgte Gummibassspur gemeinsam mit exzessivem Autotune-Gesang um die Gunst des Publikums buhlt ("Ich hab Gefühle") oder ein schillerndes elektronisches Störgeräusch mit gestrecktem Bein in den Strafraum grätscht.

Lockerer Hüftgroove

Das so inszenierte "Mr. Supercool" zeigt Maurice Ernst abermals in seinem bevorzugten Betriebsmodus: Notgeil wie Prince - und spitz wie Nachbars Lumpi. "Du hast es / Ich will es / Ich brauch es." Der Mann, der auf dem neuen Album auch noch sehr oft "lala", "lulu", "baba" und "bubu" machen wird, sagt hier schlichtweg "wuff!". Und bellt wie Henry Millers läufiges (Dichter-)Ich einst im Schelmenroman "Sexus" von 1949.

Nach dem beschriebenen Einstieg hat es angesichts der insgesamt nur knapp 35 Spielminuten zuvor aber relativ lange gedauert, bis sich zumindest in künstlerischer Hinsicht erstmals eine Art Satisfaktion einstellen konnte: "LED Go" an dritter Stelle ist mit seinem lockeren Hüftgroove der erste, das zum Abschluss gereichte "Europa 22" der zweite und letzte Song des Albums, der im Radio gut ankommen sollte.

Hier spielt die Band ihre Stärken zwischen Catchyness und Distinktionsmerkmal aus und bringt das Wort Pop wieder in Versalien aus Glühbirnen zum Leuchten. Für den Rest der Konzertsetlist gibt es ja die alten Sachen. Den einen Text kennen sie alle: "La- la- la- la- la- lass mich nicht los / Le- le- le- le- le- leg dich zu mir!"