Im Gegensatz zu den Vorgängerwerken soll das neue Album laut Waschzettel des Labels auf tatsächlichen Erlebnissen beruhen. Allerdings ist auch diese Information stark zu bezweifeln. Der Protagonist hat schließlich schon bei seiner Erstvorstellung im Geschäft im Jahr 2013 mit dem - selbstverständlich! - nach ihm selbst betitelten Debütalbum "Dagobert" mit einer Biografie aufhorchen lassen, die nach Strich und Faden erlogen war.

"Heartbroken" statt "grumpy"

So genau muss man sich daran nicht mehr erinnern, von den Fakten ist jedenfalls übrig geblieben, dass der Sänger mit dem entsprechenden Zungenschlag aus der Schweiz stammt, aus künstlerischen Gründen aber längst in Berlin ansässig ist. Zum erfundenen Rest: Was will man auch von jemandem erwarten, der angibt, einst von den Scorpions und den Flippers zum Musikmachen inspiriert worden zu sein - und der obendrein das Sakrileg begeht, sich nach einem gewissen, in Entenhausen lebenden Fantastilliardär zu benennen, der sich mit einem Speicher voller Geld darüber hinwegtrösten muss, dass er mindestens einen nichtsnutzigen Neffen hat? Entschuldigung an dieser Stelle übrigens an die Merowinger-Könige I bis III sowie den Kaufhauserpresser gleichen Namens: Ihr seid definitiv nicht gemeint! Es kann, historisch betrachtet, nur einen Dagobert geben.

Weniger reich, wenn modisch gleichfalls in feinem Zwirn, und weniger "grumpy old man" als vielmehr "heartbroken young boy", macht dem Comic-Magnaten aktuell also Lukas Jäger Konkurrenz. Jung-Dagobert debütierte als "Schnulzensänger aus den Bergen", übersetzte die wohlbekannte Schlagersehnsucht nach dem Süden (Stichwort: "Sommernacht in Rom") mit seinem im Jahr 2015 veröffentlichten zweiten Album nach "Afrika" - und kehrt jetzt mit einem neuen Geniestreich zurück, dessen zehn Songs vor allem von vergangenen Liebschaften inspiriert sind.

Der Titel "Welt ohne Zeit" ist dabei insofern schlecht gewählt, als nichts an ihm darauf hinweist, dass neun Zehntel des Machwerks aus Break-up-Nummern bestehen und nur der gleichnamige Song als großer Ausreißer zum Abschluss mit Happy End daherkommt.

Die musikalische Bandbreite wird noch einmal ausgebaut, der bekannte Arbeitsmodus grundsätzlich beibehalten: Es setzt geschickt arrangiertes Liedgut, das Gitarrenpop mit Indie-Vorsilbe genauso eingemeindet wie die frühen Depeche Mode, gekreuzt mit einer Prise New Order, und freischwebende Outer-Space-Elektronik neben beispielsweise eine gedämpfte Klaviermeditation stellt. Und neben einem Stück im Stile Prefab Sprouts ("Flieg mit mir") wird man an zumindest einer Stelle über feisten Stromgitarrengebrauch samt dramatisch in Szene gesetztem Reverb auch tatsächlich an die Scorpions erinnert - wenn die heimische Band Flut ("Linz bei Nacht") sie covern würde. Der dazugehörige Song samt Musikvideo ("Flashback") ist übrigens sehr unterhaltsam und präsentiert Dagobert erstmals in bester Splatterfilm-Trashmanier. Keine Bremsen!

Potschertes Liebesleb’n

Zu all diesen teils konsensfähigen und teils sehr mutigen musikalischen Elementen gibt es aber auch im Jahr 2019 wieder das Textwerk, das weitgehend aus literarisch nur sehr beschränkt mehrwertigen Schlagerreimen besteht und von Dagobert bei dezent eingesetzten Falsetteinlagen im Falle eines besonders schmerzvollen Herzbruchs in markantem Sprechgesang vorgetragen wird. In dieser ihm eigenen, bewusst bescheidenen Kunstform gelingt ihm auch diesmal die eine oder andere Perle.

Der hier als Songtitel fungierende Satz "Uns (beiden) gehört die Vergangenheit" ist eine davon. Man sollte das im echten Leben so eher nicht formulieren - es sei denn, man will ganz unbedingt eine Watsche. Wie Dagobert Trennungen psychologisiert und ergründet, hat übrigens auch etwas: "All die Probleme entstehen, weil Menschen sich niemals zufriedengeben." Desillusionierung geht meistens mit Erfahrung einher: "Es gab eine Zeit in trauter Zweisamkeit / Doch seit wir uns kennen, sind wir uns fremd."

Wir hören ein Album über ein potschertes Liebesleb’n mit Beziehungsstatus "Es ist kompliziert". Oft ist es sehr traurig: "Ich weiß nicht, was du willst, und du weißt es auch nicht."