Der norwegische Rundfunk hat gemacht, was die zeitgeistige und einfachste Reaktion in solchen Situationen ist: Er hat die Musik von Michael Jackson aus dem Programm genommen. Schon einen Tag später hat er die Entscheidung revidiert. Eine etwas halbherzige "Bestrafung" für einen mutmaßlichen Kinderschänder, wenn man, wie es der norwegische Rundfunk offenbar tut, einer eben in den USA ausgestrahlten Dokumentation Glauben schenkt.

"Leaving Neverland" hat bereits bei seiner Premiere beim Sundance Filmfestival für reichlich Aufregung gesorgt, unter anderem auch, weil die Hinterbliebenen von Michael Jackson mit rechtlichen Schritten gedroht haben, sollte der Film an die Öffentlichkeit kommen. Damit war der Jackson-Clan nicht sehr erfolgreich: Am Sonntag und Montag wurde die zweiteilige, vierstündige Doku nun im Pay-TV-Sender HBO ausgestrahlt. Im deutschsprachigen Raum hat ProSiebenSat1 die Rechte gekauft, ein Ausstrahlungstermin ist noch nicht bekannt.

Ringetausch

Die beiden Männer, die Vorwürfe erheben, heißen Wade Robson und James Safechuck. Robson behauptet, er wäre mit acht Jahren zum ersten Mal von Michael Jackson sexuell missbraucht worden. In ausführlichen Interviews schildern beide detailliert, welche sexuellen Handlungen Jackson an ihnen vorgenommen haben soll. Der Popkünstler soll sie wie in einer Liebesbeziehung mit Schmuck "belohnt" haben, er soll mit Safechuck auch eine Hochzeitszeremonie inszeniert haben und mit ihm Ringe getauscht haben. Jackson habe ihnen beiden eingeschärft, dass die "Beziehung" ein Geheimnis bleiben müsse, da sonst beide Seiten, sowohl die Burschen als auch er, große Schwierigkeiten bekämen. Auch habe es ein Alarmsystem auf Jacksons Haus "Neverland" gegeben, Glöckchen hätten angezeigt, wenn sich jemand den Schlafzimmern genähert hätte.

Solche Vorwürfe gegen Michael Jackson kommen nicht direkt überraschend. In den 2000ern musste sich der Sänger vor Gericht verantworten. Eine Anklage wurde außergerichtlich beendet, nach beträchtlichen Geldzahlungen. In einem anderen Fall wurde Jackson freilich recht spektakulär freigesprochen. Und da hatte einer der beiden "Leaving Neverland"-Protagonisten keinen unwesentlichen Beitrag geleistet. Denn Wade Robson sagte in dem Prozess unter Eid aus, dass Jackson ihn nie unsittlich berührt hatte. Auch Safechuck sagte einmal für Jackson aus. Das Wirtschaftsmagazin "Forbes" wies zusätzlich darauf hin, dass Robsons Sinneswandel sich offenbar parallel zu einem Karriereknick vollzog, nachdem das Michael Jackson Estate ihm den Choreografie-Job in der Jackson-Show des Cirque de Soleil, "One", vorenthielt.

Keine Entlastung

Diese Details machen die Dokumentation angreifbar, denn nicht nur die Jackson-Familie spricht Robson und Safechuck die Glaubwürdigkeit deswegen ab. Auch die Dramaturgie der Doku steht aus journalistischem Ermessen in der Kritik - sie beleuchtet ganz allein die Seite der Ankläger. Jackson, 2009 verstorben, kann sich naturgemäß nicht mehr äußern. Aber auch sonst ist kein Platz für etwaige Entlastungszeugen. Und da gäbe es sogar prominente Namen, wie Ex-Kinderstar Macauley Culkin, der eine ähnlich enge Beziehung zu Jackson hatte, der aber nach wie vor beteuert, von Jackson nie sexuell missbraucht worden zu sein.

Die Drastik der Schilderungen freilich hat eine Wucht, die viele über diese handwerklichen Angriffspunkte hinwegsehen lässt. Und darüber, dass keine Beweise vorgelegt werden außer den Aussagen der Männer. Doch warum sollten diese Männer solche Abscheulichkeiten in dieser Ausführlichkeit erfinden wollen? Was brächte ihnen die Rufschädigung eines Toten?

Viel Geld, vermuten Jackson-Fans und Jackson-Familie. Robson und Safechuck beteuern aber, keine "Gage" erhalten zu haben. Tatsächlich triefen ihre Interviews nicht vor Rachelust, sie verteidigen Jackson, den sie als liebevoll empfunden haben, auf eine gewisse Weise sogar: "Es war aufregend, ihn beschützen und womöglich retten zu können."