Geschicktes Handwerk: Hozier ist wieder da. - © Edward Cooke
Geschicktes Handwerk: Hozier ist wieder da. - © Edward Cooke

Karrieretechnisch kann der Mann auf eine Art Lottosechser verweisen. Immerhin wurde Andrew Hozier-Byrne unter seinem Alias Hozier gleich mit seiner ersten Singleveröffentlichung weltbekannt. "Take Me To The Church" war im Jahr 2013 nicht nur der Hit der Streamingdienste, sondern als Blockbuster auf Heavy Rotation im Radio auch die Garantie dafür, dass es an dieser Musik tatsächlich kein Vorbeikommen gab. Jeder kennt diesen Song, auch wenn bezüglich des Künstlers selbst ein Fragezeichen regieren sollte. Hozi-wer?

Der am 17. März des Jahres 1990 geborene Sänger und Songwriter war in seiner irischen Heimat Teil des tourenden Gesangsvereins Anúna. Als Sohn eines auch als Bluesschlagzeuger aktiven Bankangestellten und einer Künstlerin wurde er unter Quäker-Vorzeichen erzogen. "Take Me To The Church" war neben der künstlerischen Initialzündung auch ein Befreiungsschlag.

Händeringend

Besungen wird einerseits eine Glaubenslehre namens Sex und ein Altar, der ein Bett in Flammen ist, andererseits hört man einen direkten Abgesang auf konfessionelle Religionen, ihre Machtausübung auf uns vermeintliche Sünderinnen und Sünder und die Verheißung eines Weiterlebens im Jenseits - wobei der von Hozier in diesem Zusammenhang adressierte "deathless death" erotomanisch unbedingt auch als kleiner Tod interpretiert werden kann.

Mit dem begleitenden Musikvideo über eine homophobe Hexenjagd als Anklage der LGBT-Politik Russlands unter Wladimir Putin war zusätzlich für eine politische Komponente gesorgt. Kurz gesagt: Bei allem Pathos mit Unterstrich und doppeltem Rufzeichen und bei aller großen Geste im Ton ist man von einem durchschnittlichen Formatradiohit im Regelfall deutlich weniger gewohnt.


Der Erfolg um das 2014 erschienene, selbstbetitelte Debütalbum war so durchschlagend, dass Hozier viereinhalb Jahre bis zur Veröffentlichung eines Nachfolgewerks verstreichen lassen konnte, durfte - oder, so genau weiß man es ja nicht, musste. Die nun jedenfalls vorliegende Arbeit steht im Fokus auf die mögliche Apokalypse und mit dem Titel "Wasteland, Baby!" nicht vordergründig unter dem besten Stern, beschwört im gewohnt händeringenden Grundton des gerade noch 28-Jährigen allerdings die Pole Glaube, Liebe und Hoffnung als Gegengift angesichts des Bevorstehenden. Klimainfarkt, Kaputtalismus, alle gegen alle, Hass, Hass, Hass. Hozier ist dagegen und fährt seiner Religionskritik zum Trotz gleich eingangs bei "Nina Cried Power" mit der vollen Wucht eines Gospelchors auf (der ohne selbstverständlich beigezogene Kirchenorgel natürlich gar nicht ginge!), während die US-Kollegin Mavis Staples ihre diesbezügliche Vorerfahrung als Soul-Preacherin mit begnadet kraftvoller Stimme ausspielen darf.

Selbstbestimmtheit

Nicht nur in diesem Song kommt das Medium Musik selbst als weiterer Rettungsanker hinzu. Im anschließenden "Almost (Sweet Music)" wird den großen Ahnen zwischen Ella Fitzgerald, Charlie Parker, Duke Ellington, John Coltrane und, und, und die Ehre erwiesen, bei "Movement" geht es um die Kraft des Tanzes, "To Noise Making (Sing)" kommt als lebensfrohes Loblied auf das Singen daher.

Als strahlender Soulrockstampfer mit Hüftgroove wiederum dockt "No Plan" bei einem Vortrag der auf dunkle Materie spezialisierten Astrophysikerin Katherine J. Mack von der North Carolina State University an. Es geht um das Faktum Endlichkeit und die Lehre daraus, die ein Leben im Jetzt sein könnte - sowie abermals um die Selbstbestimmtheit des Menschen als Echo von Friedrich Nietzsche: "There’s no plan, there’s no hand on the reign."

Einflüsse aus Gospel, Soul, R&B und etwas Folk werden hier zweifelsohne formatradiotauglich gefiltert, von den Co-Produzenten Mark Dravs (Arcade Fire) und Rob Kirwan (PJ Harvey) aber daran gehindert, auf astreines Mainstream- oder gar George-Ezra-Niveau abzusinken. Auch als Hozier-Agnostiker wird man geschicktes Handwerk konstatieren müssen, wenn der Titelsong zum Abschluss der 57 Spielminuten als lichte Zupfgitarrenmeditation verklungen ist - und im Vorbeigehen erklärt hat, warum der Mann bei allen Mehrzweckhallen- und Stadionmomenten seiner Musik auch im Konzerthaus auftreten kann, wenn er am 10. September in Wien gastiert.