Begnadeter Songschreiber Darüber hinaus war Dylan jedoch von allem Anfang an ein begnadeter Songschreiber. Musikalisch blieb er auf drei oder vier Akorde beschränkt, wie einst Irving Berlin, der nur in einer Tonart spielen konnte und deshalb ein Klavier mit Hebel besaß, auf dem er die jeweils gewünschte Tonart einstellen konnte. Dylan wäre, hätte er zu Berlins Zeiten gelebt, vermutlich ebenfalls einer jener genialen Tin Pan Alley-Komponisten geworden, die in ihren Büros Songs am Fließband schrieben. Es hieß damals, die schönsten irischen Lieder seien alle von New Yorker Juden geschrieben worden. (So wie heute die besseren Country-Songs in Nashville alle von Iren geschrieben werden.) Das gedruckte Song-Sheet wurde dann von begabten jungen Männern in den Musikalienhandlungen am Klavier vorgetragen, und die Damenwelt kaufte es, um das Lied zu Hause nachzuspielen.

Genau solche Songs hat auch Dylan fast nebenher zu Dutzenden geschrieben. Bei jeder kirchlichen oder halbkirchlichen Veranstaltung hört man bis heute sein "Blowin In The Wind", das eigentlich auch schon damals jedem anderen hätte einfallen können, der "Where Have All the Flowers Gone?" gehört hatte. Der 20-Jährige schrieb diesen, seinen größten Hit en passant, im Vorübergehen. Erbauungslieder, Liebeslieder, Country-Songs, Hymnen für den Hausgebrauch, manch Rockiges, Film-Songs ("Lay Lady Lay", "Knockin On Heavens Door", "The Man In Me"). "Dylan ist ein größerer Songschreiber als Schubert" , behauptete das "Time"-Magazin.

Nun ja. Jedenfalls ein produktiver. Einer, der schon früh die Lektion gelernt oder eingeschärft bekommen hat, dass es keine Plagiatsklage gibt, wo es kein Copyright gibt - bei den ganz alten Songs. Bei den Folk Songs. Beim Blues unbekannter oder längst verstorbener schwarzer Sänger. Es ist eine Lektion, die auch die Rolling Stones und Led Zeppelin gelernt haben.

Aber was immer die Folk-Puristen Dylan vorwerfen mochten - seine Songs waren immer karaoke-tauglich. Jeder konnte seine Lieder mitsingen - und vor allem schön nachsingen. Nicht nur Joan Baez hat ein ganzes Album mit engelhaft geglätteten Dylan-Hymnen herausgebracht - Hunderte professionelle Weichzeichner haben es ihr gleichgetan. Das Kingston Trio hatte gar keine Chance.

Als Dylan "Like A Rolling Stone" aufnahm, hatte er schon rund 200 Songs geschrieben, von denen mindestens 50 bis heute als Klassiker gelten. Die Reime purzelten ihm von der Zungenspitze, als hätte er ein komplettes Reimlexikon verschluckt. Das klang mitunter wie früher Rap: "Get sick, get well / Hang around a ink well / Ring bell, hard to tell / If anything is goin' to sell / Try hard, get barred / Get back, write Braille / Get jailed, jump bail / Join the army, if you fail / Look out kid / You're gonna get hit" (aus "Subterranean Homesick Blues").

Um aus dem Reimgewusel herauszufiltern, was brauchbar war, bedurfte es eines Mentors, und Dylan hatte schon früh das Glück, die Aufmerksamkeiten des bedeutendsten amerikanischen Poeten seiner Zeit auf sich zu ziehen: Allen Ginsberg. Im Video zu "Subterranean Homesick Blues" (1965) steht er denn auch, wahlweise als stummer Hausgötze oder stiller Teilhaber, im Bildhintergrund.

Daneben brauchte Dylan auch einen musikalischen Mentor. Ohne Mike Bloomfield hätte es - wie Greil Marcus anhand der einzelnen Takes dieses Songs detailliert nachweist - das musikalische Meisterwerk "Like A Rolling Stone" wohl nicht (oder jedenfalls nicht so) gegeben. Und ohne den Zufall, dass Al Kooper an der Orgel saß, an der er eigentlich gar nichts verloren hatte, wäre es wohl kaum zu diesem tänzelnden Sound gekommen, der hinfort für den Folk-Rock charakteristisch wurde. Dylan schrieb meisterhafte Melodien und Texte, wie "Mr. Tambourine Man", aber es waren die musikalischen Meister im Hintergrund, die seinen Songs zur Weltklasse verhalfen.

Ein kurzer Moment auf Nr. 1

Eine merkwürdige Gruppe von zukünftigen Selbstmördern, die ihr Herzblut in Dylans Musik einfließen ließen, bevor sie sich dann später, irgendwann, aus der Welt verabschiedeten. Bloomfield spielte zusammen mit Kooper im Jahr darauf noch die bis heute unvergessenen "Supersessions" ein, Bloomfields eigene Band, die Electric Flag, brachte 1968 ihre einzige, selbstbetitelte, unvergleichlich schöne Platte heraus. Danach kam für Bloomfield der Abstieg, mit 38 der goldene Schuss.

"Like A Rolling Stone", die beste Rock-Nummer aller Zeiten, erschien im Sommer 1965 und brachte es in den USA für einen kurzen Moment auf den (in Branchenblättern wegen der Zählweise freilich umstrittenen) Platz Nr. 1 der Hitparade.

Bob Dylan schaffte es in seiner gesamten Karriere nur noch einmal, auf der Top-Charts-Position zu landen: 1984, als einer unter vielen Promi-Sängern auf der unsäglichen Michael Jackson/Lionel Ritchie-Nummer "We Are The World, We Are the Children", einer Benefiz-Platte, auf der er einige Text-Zeilen ins Mikrophon krähte, als einer der lächerlichsten Dylan-Imitatoren, die man je gehört hatte.

Literatur:

Greil Marcus: Bob Dylans Like A Rolling Stone - Die Biographie eines Songs. Übersetzt von Fritz Schneider. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005, 304 Seiten.

Tom Appleton , geboren 1948, lebt als Autor und Übersetzer in Wien.