Wien. Stimmen wie die seine sind eine Seltenheit. Im Werk verstand es der am 4. Jänner des Jahres 1955 in Tottenham geborene Sänger und Songwriter Mark Hollis zwar, sein unverwechselbares, bevorzugt mit einem Vibrato der Marke "Sehnsucht, zitternd" belegtes Organ gewinnbringend auszuspielen: Vom breiten Emotionsspektrum der frühen Pophits bis zum von verschluckten Silben geprägten, zerbrechlichen Wispern des rätselhaften "Spätwerks" fand Mark Hollis in jedem Fall den richtigen Ton.

Eines der größten Talente seiner Generation war zeitgleich aber auch ein großer Potenzialvergeuder: Nach fünf zwischen 1982 und 1991 veröffentlichten Alben mit seiner Band Talk Talk und einem ersten und letzten Solowerk ist Mark Hollis bereits im Jahr 1998 nicht nur verstummt, sondern abgetaucht. Der Hoffnung seiner Fans auf ein Comeback und der zumindest auf dem Papier möglichen Aussicht auf ein finanziell entsprechend kräftiges Lockangebot zum Trotz verweigerte sich der Mann konsequent - und galt bis zuletzt als das vielleicht größte Enigma der Popmusik.

"Life’s what you make it"

Auf diesen Umstand und die später erfolgte Abkehr von Genre- und Geschäftskonventionen hätte schon der Titel seines Debüts mit Talk Talk hinweisen können: Das mithilfe des Duran-Duran-Produzenten Colin Thurston eingespielte "The Party’s Over" von 1982 wurde unter den Vorzeichen des Synthie- und Wave-Pop allerdings als Album seiner Zeit rezipiert. Zwei Jahre später sorgte der Nachfolger "It’s My Life" für die Hits. Mit dem Titelsong, der in einer Coverversion im Jahr 2003 Gwen Stefani zum Start in eine Solokarriere verhalf und Talk Talk selbst mit absichtlich schlechtem "Lip Sync"-Gesang auf dem Höhepunkt ihrer kommerziellen Möglichkeiten gegen die Wünsche ihrer Plattenfirma aufbegehren ließ, oder dem von Luke Rhineharts Roman "The Dice Man" von 1971 inspirierten "Such A Shame" gelangen seltene Glücksfälle von Songs, die trotz einer Dauerschleifenexistenz auf 80er-Jahre-Partys nichts an Qualität verloren: Wir hören perfekt geschriebenen und brillant inszenierten Pop in Reinkultur, der gut gealtert ist.

Von da an aber wurde die Band nur noch besser. "The Colour Of Spring" deutete einen anstehenden Umbruch im Jahr 1986 mit zurückgenommenen Klaviermediationen wie "April 5th" zwar bereits an, folgte aber noch den Vorgaben des Songs. Außerdem erlebte man den gerne als Melancholiker wahrgenommenen Mark Hollis hier bei Gänsehautalarm auch mit einem Bekenntnis zum vollen Leben: "Baby, life’s what you make it / Celebrate it, anticipate it / Yesterday’s faded, nothing can change it / Life’s what you make it."

Den aus dieser Phase geschöpften Finanzpolster und Vertrauensvorschuss der Plattenfirma nützte die Band für eine Neuerfindung, deren Radikalität im Fachbereich Pop bis zu "Kid A" von Radiohead zwölf Jahre lang kein zweites Album erreichen sollte.

Overdub-Collage

Das in ausufernden Improvisationssessions überwiegend in Dunkelheit aufgenommene "Spirit Of Eden" von 1988 verband organischen Sperrstundenjazz, Ambient-Aufnahmen, spirituell aufgeladenen Folk und messerscharfe Bluesüberreste zu einer sinnlichen Collage aus Overdubs unter besonderer Berücksichtigung der Dynamik: Vor allem die von aufröhrenden Einsprengseln scharf kontrastierten Leerstellen der Einspielung und Hollis’ schwer verhuschter Pianopianissimo-Gesang waren daran zentral - und so wirkungsmächtig, wie sie das realbiografische Fade-Out der Band bereits vorwegnahmen: "Laughing Stock" von 1991, von Hollis knapp vor der Auflösung von Talk Talk bereits ohne Restband, aber mit dem Produzenten Tim Friese-Greene realisiert, sowie die erwähnte Soloplatte von 1998 justierten diesen Sound noch in feinen Nuancen. Dann kam die Stille.

Erst in den vergangenen Wochen musste man vor allem aus zwei Gründen wieder an Mark Hollis denken: Einerseits erinnerte der deutsche Newcomer Jungstötter auf seinem tollen Debütalbum "Love Is" nicht nur in Sachen Vibratogesang an den Meister. Andererseits lieferte sein Ex-Talk-Talk-Kollege Paul Webb unter dem Alias Rustin Man mit dem Album "Drift Code" gerade ein erstes künstlerisches Lebenszeichen seit immerhin auch schon wieder 17 Jahren.

Von Mark Hollis selbst aber kam die schlimmstmögliche Nachricht: Der Musiker ist im Alter von 64 Jahren gestorben. Über die Hintergründe ist derzeit genauso wenig bekannt wie über die beiden letzten Lebensjahrzehnte dieses Gärtners im Geiste von Eden.