Vielleicht muss man einmal um die Welt reisen, um von "Spring, spring um dein Leben" zu einer "2nd World" zu gelangen, "A world where you are free". Zumindest könnte man einmal wiedergeboren worden sein, was im Zeitalter des flexiblen Menschen keine Seltenheit sein soll. Alle zehn Jahre kann man sich gern neuerfinden, mögen Anna Müller und Paul Wallner gedacht haben, als sich 2012 die Band Herbstrock auflöste, die immerhin 2009 für ihr Album "Die bessere Hälfte" mit einem Amadeus-Award ausgezeichnet wurde. Bereits im gleichen Jahr riefen Müller und Wallner HVOB (Her Voice Over Boys) ins Leben, doch zwischen dem fröhlich-quirligen Pop von Herbstrock und dem kokonhaft-bergenden Soundgeflecht von HVOB liegen Welten und Abgründe.

Bald nach Gründung von HVOB wurde Oliver Koletzki auf die beiden Österreicher aufmerksam und nahm sie bei seinem Label Stil vor Talent unter Vertrag, bei dem das selbstbetitelte Debüt und der multimedial angelegte Zweitling "Trialog" erschienen. 2017 folgte das Crossoverprojekt "Silk" zusammen mit Winston Marshall (Mumford & Sons) beim eigenen Label Tragen Records. Mit "Rocco" veröffentlicht das Duo kommende Woche sein viertes Album. HVOB können irgendwie nichts falsch machen. Die Symbiose aus schlafwandlerischer Elektronik und Müllers Säuseln, Wispern und Flüstern erzeugt eine zeitlose Melancholie, die glücklich macht. Selbst dort, wo der Klang etwas roher wirkt - wie bei "Butter" oder "Zinc" -, wird er nie ornamental überfrachtet, sondern kehrt stets in das bewährt Enigmatische zurück.

Das mag konzeptionell beim ersten Eindruck etwas monoton anmuten, aber HVOB warten durchaus mit der einen oder anderen Überraschung auf. So werden in "A List" die hermetischen Ambientpfade um ein vom Jazz angewehtes, wogend-tänzelndes Element erweitert. Dabei ist "Rocco" kein Album, das "user friendly" daherkommt. Man sollte sich Zeit lassen, um in das Loslassen, die Abschiede und Neuanfänge einzutauchen, in deren Labyrinthen man sich gern verliert.