Gewissermaßen wird mit diesem Album ein Momentum genützt, gewissermaßen: nicht. Lange Zeit war die US-Musikerin Solange Knowles im Schatten ihrer um fünf Jahre älteren Superstarschwester Beyoncé gestanden, ehe sie sich im Jahr 2016 mit dem Album "A Seat At The Table" nicht nur emanzipieren und freispielen konnte, sondern sich gleichzeitig im Umfeld von #BlackLivesMatter als die Stimme des schwarzen Amerika etablierte - und ein Album des Jahres im Angebot hatte.

Schemen und Collagen

Drei Jahre später wird jetzt also nachgelegt, wobei die Aussage der heute 32-Jährigen, bei "A Seat At The Table" sei es ihr um die Inhalte gegangen, während das nun vorliegende "When I Get Home" (Sony Music) die Emotionsebene in den Vordergrund rücken würde, für gespitzte Ohren sorgen durfte. Tatsächlich verzichtet das Album weitgehend auf ein übergeordnetes Narrativ und adressiert in den lose miteinander verbundenen Stücken dazwischen vor allem ihre alte Heimatstadt Houston, Texas, wobei neben dem musikalischen Erbe um Eckpfeiler aus dem Hip-Hop-Genre wie DJ Screw und dessen "Chopped and screwed"-Turntabletechnik thematisch am ehesten ein Rückblick auf die Zeit des Aufwachsens auszumachen ist, der sich nicht nur in Stücken wie "Down With The Clique" manifestiert.

Müde Lider: Solange hat ein neues Album. - © WireImage/Rick Kern
Müde Lider: Solange hat ein neues Album. - © WireImage/Rick Kern

Interesse erweckt bereits die formale Rahmung: 19 Stücke werden in knapp 39 Spielminuten gereicht, zahlreiche Interludes intervenieren in Songs, die selten Songs im klassischen Sinn und schon gar keine Hits sein wollen, um stattdessen unter besonderer Berücksichtigung der Repetition als Schemen, Skizzen, Fragmente oder gehäckselte Loops durch den Hallraum zu mäandern.

Solange drängt zweifelsohne stärker in Richtung Experiment, was sich bereits von der Liste der Kollaborateure und Produzenten ablesen lässt, die neben heute angesagten Hip-Hop-Acts wie Earl Sweatshirt und Tyler, The Creator vom Kollektiv Odd Future, den Trap-Rappern Gucci Mane und Metro Boomin oder üblichen Verdächtigen wie Pharrell Williams auch Animal-Collective-Mann Panda Bear, Dev Hynes alias Blood Orange und nicht zuletzt den aus Los Angeles stammenden New-Age-Apostel John Carroll Kirby inkludiert.

Entsprechend wattiert Hynes die Arbeit mit retroseligen Gummibässen, über denen kosmische Billigsdorfer-Elektronik in Richtung Jupiter gespenstert und singuläre Jazztupfer am Klavier ebenso collagiert werden wie Neo-R&B-Überreste, die Solange mit hörbar sehr schweren Lidern besingt. Von Sun Ra und Cosmic Jazz als Einflüssen ist die Rede. Es regieren das gedrosselte Tempo, die kontemplative Entschleunigung und die (Super-)Zeitlupe, wie man sie vom Sportfernsehen aus der zur aktuellen Musik von Solange ja wie die Faust aufs Auge passenden Wiederholung von Torschüssen oder Unfällen kennt.

Ins Träumeland

Wir hören Musik, die vielleicht nicht ursächlich als Antistressmittel konzipiert war, definitiv aber auch ohne Rezeptpflicht als solches missbrauchbar ist. Das passt, immerhin ist der Abusus von beruhigendem Codeinhustensaft in der seinerzeitigen Chopped-and-crewed-Szene inspiratorisch gleichsam in die Musik eingeflossen.

Manchmal muss man sich direkt Sorgen machen, dass Solange jede Sekunde am Mikrofon einschlafen könnte oder die einlullend-noktambulen Soundscapes uns selbst ins Träumeland ziehen - vor allem, wenn man "When I Get Home" gerade nicht zuhause, sondern als Hintergrundmusik im Büro hören sollte und dort noch nicht einmal Mittagspause ist.

Musikalisch führt der beruhigte Fluss des Albums zwischendurch auch über die Verkehrsadern von Houston. Während im Hintergrund ein Drumsound erklingt, der aus dem Nachlass von Prince stammen dürfte, geht es vom S-MacGregor- hin zum Beltway, der, sagen wir, texanischen Version des Wiener Gürtels (nur ohne U6), die man bei der Abfahrt Scott wieder verlässt. Aus dem Autoradio hat man zuvor noch die Stimme des weiblichen US-Sex-Gurus Alexyss K. Tylor ("Vagina Power") gehört, die über uns als sexuelle Wesen und wandelnde Verkörperung des göttlichen Bewusstseins referierte.

Die Musik wippt und kippt, die Sounds verschwimmen wie die Eindrücke vor dem geistigen Auge. Wir können uns das Sandmännchen sparen. Wir hören Solange.