Viermal war er für einen Grammy-Award nominiert. Einmal, 1959, erhielt er die Auszeichnung. 1992 dann gleich siebenmal - 27 Jahre und zwölf Tage nach seinem Tod. Ein Vierteljahrhundert später las man im Magazin "Jazz Thing" eine erbitterte Pro-und-Contra-Debatte über ein Album. Pro: großes, amerikanisches Hörkino. Contra: Heilewelt-Plüschkissen. An wem entzündete sich eine so bös geführte Auseinandersetzung? An einem der wohl freundlichsten, umgänglichsten und charismatischsten Jazz- und Popmusiker, an Nat King Cole.

Frühe Heirat

Am 26. Februar 1992 erhielt seine Tochter Natalie die erwähnten Grammy-Auszeichnungen für das Album "Unforgettable . . . With Love". Sie sang im Duett mit ihrem Vater seine bekanntesten Songs. Ohne dass es dieses Duett jemals gegeben hatte. Was später auch bei Dean Martin geschehen sollte, das war damals erstmals technisch möglich: alte Tonspuren zu separieren und mit neuen zusammenzuführen. So kam es, dass Natalie mit ihrem Vater "sang", auch wenn der Kettenraucher am 15. Februar 1965 mit 45 Jahren an Lungenkrebs gestorben war.

Geboren wurde Nathaniel Adams Coles - das "s" am Ende ließ er später fallen - in Montgomery in Alabama. Die Familie zog 1921 nach Chicago, in die South Side, die bevorzugte Wohngegend von Zehntausenden nach Norden übersiedelten Afroamerikanern. Sein Vater hatte die Fleischhauerschürze zugunsten des Pastorenrocks an den Nagel gehängt und übernahm eine Baptistengemeinde. Mit 14 war Nathaniel über 1,80 Meter groß, sehr schlank, mit einem umwerfenden Lächeln.

Mit 16 Jahren hatte er eine eigene Band und war Profimusiker. 1935 lieferte er sich in einem der größten Tanzpaläste der Stadt eine "Battle of the Bands". Er duellierte sich musikalisch stundenlang mit Earl "Fatha" Hines, seinem pianistischen Vorbild. Hines war Inbegriff technischer Finesse und großer Imaginationskraft.

Mit 17 heiratete Nathaniel ohne Einwilligung seines sittenstrengen Vaters. Seine Frau Nadine, eine Tänzerin, war knapp zehn Jahre älter. Sie zogen nach Los Angeles, schlugen sich drei Jahre durch. Cole trat in dieser Zeit überall für wenig bis gar kein Geld auf und musizierte mit dem hochvirtuosen Gitarristen Oscar Moore und dem noblen Wesley Prince am Kontrabass. Nadine kellnerte. 1940 dann, zwischen vielen Auftritten, schlecht entlohnten Studioeinspielungen und rastloser Sichtung neuer Kompositionen, gelang der erste Hit, "Sweet Lorraine". 1942 nahmen die jungen Capitol Records das Nat King Cole Trio unter Vertrag, das lange ihr erfolgreichster Act war. Das "King" war dem Pianisten zugewachsen. Bald sollte er einer der größten Entertainer der USA sein, mit einer jahrelangen Show im Sands-Casino in Las Vegas, mit großen Tourneen und Nr. 1-Hits.

Erlebter Rassismus

Aber auch Tief- und Rückschläge gab es zu überstehen. Ein teures Musical scheiterte. Eine eigene TV-Show Mitte der 50er Jahre - 1950 hatte er zum zweiten Mal geheiratet und war mehrfacher Vater - war beim Publikum sehr beliebt, fand aber ob Rassismus in den Werbeagenturen keinen potenten Sponsor. Und wurde abgesetzt. Rassismus erfuhr Cole häufig, einmal wollten ihn in Alabama Ku-Klux-Klan-Anhänger von der Bühne entführen. Der Sänger mit der samtenen Stimme und den von Nelson Riddle unterlegten Streichern wurde auch von Bürgerrechtlern angefeindet. Dabei war Cole politisch liberal und gut befreundet mit John F. Kennedy. Aber: Er wollte singen. Für alle. Vor allen. Seine Strategie: Konflikte überwinden durch Musik. In den letzten fünf Jahren vertraute er windigen Beratern. Schon ab 1950 musste Cole, finanziell stets sorglos, ohne Pause auftreten, weil er Steuern nachzuzahlen hatte.

Die Jazz-Orthodoxie verzieh ihm seinen Wechsel ins Pop-Fach nie. Dabei lässt sich noch heute kaum unbeschwerter bezirzen als mit Songs von Nat King Cole. Der Schmelz der Stimme, die Einfachheit, die unter der Oberflächentextur oft komplex ist, die Verve, die perfekte Artikulation, der Swing, das elegant perlende Klavierspiel, all das lässt Nat King Cole noch heute, etwa für Diana Krall oder Gregory Porter, Inspiration sein. Und unerreichtes Vorbild.