"Der Himmel ist ein Aschehaufen": Stella Sommer. - © Dennis Schönberg
"Der Himmel ist ein Aschehaufen": Stella Sommer. - © Dennis Schönberg

"Ist es ein Anfang oder ein Ende / Was passiert ist, das spricht Bände / Was passiert ist, ist nicht komisch / es ist lachhaft unironisch." Bereits am Anfang, der einen möglichen Schlusspunkt markiert, wird klargestellt, dass es sich angesichts allen Schreckens und aller Kälte dieser Welt - auch und vor allem im Alltag und im Kleinen - als Kontrastmittel und Selbsthilfeprogramm noch immer empfiehlt, die Humorklinge auszupacken und mitunter auch auf gallige Pointen zu setzen. So viel ist man sich selbst und seiner Umwelt schon schuldig, wenn es wieder einmal heißen sollte: "Ich bin kaputt / Doch noch zu kleben."

Text-Ton-Schere

So sehr die Dinge auch den Bach runtergehen oder gegen die Wand brettern mögen, irgendeine Art Hoffnung, an die man sich klammern kann, wenn gerade sonst nichts oder niemand zur Stelle ist, bleibt im Regelfall ja doch. Und wenn sie aus dem innersten Inneren geschöpft oder vom Himmel abgelesen werden muss, der gerade droht, einem sprichwörtlich auf den Kopf zu fallen.

Hoppla, Problem! Wir kommen jetzt tatsächlich schon zum Ende. Das Ende des aktuellen Albums der Band Die Heiterkeit aus Hamburg, die derzeit vor allem aus deren Frontfrau und Mastermind Stella Sommer besteht, ist ein Song namens "Die Sterne am Himmel". Der klingt zwar wie das meiste auf "Was passiert ist" in Sound und Tonfall durchaus tröstlich. Allerdings kommen zu diesem klanglich entspannten Gleitflug durch den Orbit dann auch noch Lyrics: "Etwas ist hier schiefgelaufen / Der Himmel ist jetzt ein Aschehaufen." Es ist ungefähr das, was man gemeinhin als Text-Ton-Schere bezeichnet.

Und auch der Rest der neuen Arbeit beweist es: Stella Sommer gehört derzeit zu den interessantesten und originellsten Stimmen des deutschen Pop. Nach Anfängen mit dem im Kollektiv noch von Schrammelgitarren bestimmten Album "Herz aus Gold" von 2012 kann man die Frau spätestens seit dem Doppelschlag "Pop und Tod I+II" oder ihrem - selbstverständlich - augenzwinkernd benannten Solodebüt "13 Kinds of Happiness" von 2018 dabei erleben, wie sie zur Hochform aufläuft.

Das geschah etwa auch über gerne bemühte Bezüge zur deutschen Trauerfloristin Christa Päffgen alias Nico in Songs wie "The End", das zu lockendem Sirenengesang aus dem Zwischenreich im dazugehörigen Musikvideo einen Rückblick auf die Kindheit mit der Aussicht auf das dereinst gewesen sein Werdende kombinierte: "Wenn es soweit ist / Werden wir es wissen / Es kommt immer anders als gedacht / Und es wird in Ordnung sein."

Gemeinsam mit dem Tocotronic-Produzenten Moses Schneider (der auch am Bass zu hören ist) und Philipp Wulf von den Kollegen Messer am Schlagzeug wurden nun die Gitarren weitgehend aus dem Klangbild verbannt. Stattdessen setzt es flächige, ins Orgelhafte kippende Keyboardakkorde und dramatischen Hintergrundhall, womit ein den Songs inhärentes und auf den Punkt inszeniertes Gefühl von Größe und Pathos verstärkt wird, das auch im Gesang von Stella Sommer mitschwingt. Eine gewisse Dosis Hildegard Knef im Vortrag ist nicht von der Hand zu weisen.

Einsamkeit auf Instagram

Überhaupt schafft es Sommer, zwischen klassischem Klavierlied, Schlager Noir und raumgreifendem Balladenzauber gleichermaßen erhebend und erhaben durch das Jammertal zu schreiten. Es geht um Verlorenheit und Desorientierung und nicht zuletzt um kollektive Einsamkeit in Zeiten des Internets: "Ich sehe dich am liebsten / als Bild auf Instagram / Was wir voneinander wissen / wissen wir nicht ganz."

"Die Linie im Sand" fährt mit Hang zum Tusch als große Kunstballade alle Geschütze auf. Hier regiert ein Selbstbewusstsein, das eine ephemere Behauptung ist: "Ich bin die Linie im Sand / Ich bin etwas, das man sieht / und intuitiv versteht / Ich bin die Boje am Strand / Ich bin etwas, das man hört / und das intuitiv zerstört / Ich bin in allem, was du kennst / eine Kerze, die immer brennt / Es ist das Licht, das du brauchst."

Immerhin ist in der Kunst von Stella Sommer die nächste Depression niemals weit: "Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert / Jeder Tag ist endlos lang / Das Loch ist bodenlos / und frisst sich langsam groß."