Ziemlich sicher wird es so sein, dass ein hübsch in die Länge gezogenes "Ooooh!" aus dem innersten Inneren des Herzens den Anfang macht und ein mit allem Gefühl dieser Welt in den Raum entlassenes "Baby" folgen wird, bevor ein nachdrückliches "Yeah!" die Wortkette abschließt. Damit ist im Wesentlichen alles gesagt, zumal auch die Band im Hintergrund mit sämtlichen zur Verfügung stehenden Kräften damit beschäftigt ist, die Sprache der Liebe in Musik zu übersetzen, die aus jedem einzelnen Ton Emotion verströmt.

Wie im Druckkochtopf

Dass dafür im Regelfall das klassische Songformat mit knapp drei Minuten Spielzeit zur Verfügung steht, ist allerdings weniger Problem als vielmehr Verstärker. Immerhin ist die bevorzugte Kunstform des Genres das Dramolett, das die Protagonisten kurz vor dem Implo- oder Explodieren zeigt. Es ist wie in einem Druckkochtopf, in den man Sexuallockstoffe geschüttet hat, um eine Bombe hochgehen zu lassen - oder die versalzene Suppe, weil der Koch bis über beide Ohren verliebt ist: "Ooooh!", "Aaaah!", "Baaabyyyy!", "Sweeet, sweeet LOOOO-VE!"

Der Protagonist heißt Lee Fields und seine Band nicht von ungefähr The Expressions. Wir hören klassischen Soul alter Schule im Originalsound einer Ära, der trotz einer bewusst unterstrichenen Patina so lebendig und dringlich und tief empfunden klingt, als wäre er gerade erfunden worden.

Zum Teil mag dafür der Umstand mitverantwortlich sein, dass Lee Fields trotz erster Aufnahmen bereits am Ende der 60er Jahre und künstlerischer Begegnungen mit alten Helden (O. V. Wright!) den Durchbruch in jungen Jahren nicht geschafft hat und für das Familienleben auf Brotjobs umsteigen musste. Umso intensiver aber wurde in den Nachwehen des Soulrevivals ab Mitte der Nullerjahre an einem späten Triumphzug gefeilt, der sich mit Alben wie "Faithful Man" (2012), "Emma Jean" (2014) oder zuletzt "Special Night" (2017) materialisierte - um aktuell eine Lücke zu füllen. Schließlich hat das Genre mit Sharon Jones und Charles Bradley in den Jahren 2016 und 2017 zwei seiner wichtigsten Vertreter aus der zweiten Generation für immer verloren.

Das in knapp zwei Wochen abermals beim New Yorker Label Big Crown Records erscheinende Album "It Rains Love" nimmt auch deshalb keine Gefangenen. Es bündelt die Kernkompetenzen nach allen Regeln der Kunst zwischen markant federnden Bässen, zickezackenden Bläsern, flirrenden Streichern und zärtlichen Soullicks, die mit nie zu flott groovenden (Break-)Beats zum Kopfnicken laden - während sich die unterschwellig schmirgelnde Hammondorgel zurücknimmt, wenn der stimmgewaltige Vortrag des Meisters den nötigen Raum verlangt. Es gibt Call-and-Response-Gesänge, gefühlige Background-Schubidus und gelegentlich Querflöte und Vibrafon als Beifang.

Für Zusammenhalt

"It Rains Love", "You’re What’s Needed In My Life", aber auch "Love Prisoner" und "Two Faces": Die Songtitel fallen mit der Tür ins Haus, die Geschichten dahinter kommen als emotionale Extrempole daher. Außer "Baby, du bist das Beste, das mir je passiert ist, und wertvoller als alles Geld oder Gold und Diamanten"-Songs gibt es nur "Oooh Baby, wie konntest du mich so hintergehen und verletzen und die Kälte zurück in mein Leben bringen?"-Lieder, wenn es darum geht, es in den weltlichen Niederungen menscheln zu lassen. Dafür kommt "God Is Real" als autobiografische Erinnerung an ein christliches Aufwachsen in North Carolina daher und lässt entfernt daran denken, dass Soulmusik an der Schnittstelle zu ihrem geistlichen Schwesterngenre Gospel in Gestalt von Al "The Reverend" Green einst einmal zur Hochform auflief.

Einen anderen inhaltlichen Ausreißer gibt es diesmal aber auch. Während sich "Wake Up" zunächst noch in die restlichen Beziehungsstudien des Albums einzuordnen scheint, drängt sich die politische Lesart spätestens dann auf, wenn Lee Fields Tatsachen von einem nicht genannten Gegenüber als "Fake news" verunglimpft sieht - und im Anschluss als Soulpreacher den Aufstand beschwört: "Stand up for yourself! Everybody get loud!"

Es ist ein dringlich vermitteltes Anliegen, das der Sänger aber nicht an das Ende stellt. Das letzte Wort gehört dem reinen Zusammenhalt. Soulsisters, Soulbrothers, ihr und alle Babys da draußen: "Love is the answer!"