Wenn sich jemand aus der sogenannten populären Musik an ein klassisches Werk wagt, so ist ihm zumeist eine gewisse Aufmerksamkeit sicher. Aber was bedeutet schon der scheinbare Gegensatz populär-klassisch angesichts von Góreckis Dritter Symphonie, die sich äußerster Beliebtheit erfreut und an der sich nun Beth Gibbons versucht. Dies ist freilich kein unriskantes Unterfangen, spricht die Portishead-Frontfrau doch weder polnisch noch ist sie von der Stimmlage her ein Sopran, wie es Górecki für die Gesangspartien seiner Symphonie der Klagelieder vorsah.

Um sich entsprechend vorzubereiten, nahm Gibbons Vokal- und Sprachtraining in Anspruch. Zur Seite stand ihr das Sinfonieorchester des Polnischen Rundfunks unter der Leitung des wohl berühmtesten lebenden polnischen Komponisten, Krzysztof Penderecki. Zur Aufführung des Werks kam es am 29. November 2014 im Teatr Wielki in Warschau. Der Konzertfilm unter der Regie von Michał Merczynski wird zeitgleich mit der Einspielung veröffentlicht.

Erfreulicherweise versucht Gibbons gar nicht erst, wie eine Opernsängerin zu klingen. Sie vermeidet tunlichst jedes Vibrato und jede Affektiertheit, wobei es ihr gelingt, den Hörer mit (dann doch) emotionsgeladenen Sopranklängen in den Bann zu ziehen. Penderecki liefert dazu eine trennscharfe Begleitung, die nicht den Fehler begeht, die Trauer der Protagonistinnen in einer diffusen Patina zu ertränken. Stattdessen herrscht eine durchsichtige Klarheit, in der es Gibbons vermag, das Leid gleichsam spürbar zu machen.

Die Frage ist indes, ob die Veröffentlichung des gesamten Konzertabends im Hinblick auf stilistische Grenzüberschreitungen nicht mehr Sinn gemacht hätte.

Im ersten Teil war Pendereckis "Polymorphia" zu hören, auf das "48 Responses To Polymorphia" von Radiohead-Mann Jonny Greenwood folgte, um mit Lutosawskis "Muzyka Załobna" fortgesetzt zu werden, das wiederum von Bryce Dessner (The National) aufgegriffen wurde ("Résponse Lutosławski"). Gleichwohl dürfte Góreckis Symphonie nun weitere Popularität gewiss sein.