Eine gewisse Veränderung ist bereits zu bemerken, noch ehe der erste Ton gespielt und gesungen ist. Entgegen des Selbstporträts mit Trauerflor von vor zehn Jahren oder deutlich später noch mit am Rande zum emotionalen Breakdown angesiedelten Auftritten zwischen Nervenflattern, erstickter Stimme und Knödel im Hals nimmt die Frau ihre Bühne aktuell nicht nur mit sichtlich gesteigertem Selbstbewusstsein in Anspruch. Auch - und das ist beim Auftakt der Europatournee im selbstverständlich ausverkauften Wiener Konzerthaus beinahe sensationell - tritt einem Anja Plaschg alias Soap&Skin derzeit mit einem raumgreifenden Lächeln entgegen, das tatsächlich etwas Gelöstes hat. Traurigsein ist gar nicht schwer. Überwindung dafür umso mehr.

Mehr Licht

Nicht dass es heute noch Happy Hour in Durtonleitern statt Exorzismus in Düstermoll spielen wird oder man davon ausgehen muss, zwischen den Songs einen Witz erzählt zu bekommen. Gott behüte! Immerhin aber demonstrieren die am Anfang des Abends stehenden, fast durchgehend als klassische Klavierlieder eingeläuteten Songs des aktuellen Albums "From Gas To Solid / You Are My Friend" eine Öffnung hin zu etwas mehr Zuversicht, Gelassenheit und auf jeden Fall Licht frei nach Leonard Cohen: "There is a crack in everything / That’s how the light gets in."

An den alten Meister, der die Konzerthausbühne zeit seines Lebens achtmal erobert hat - Anja Plaschg befindet sich gerade im zweiten Durchgang -, wird man etwas später noch denken, wenn Soap&Skin dessen Hang zum gleichfalls selbstzerfleischenden künstlerischen Hader sowie zur Verwerfung und hundertfachen Überarbeitung von Ideen im Song "Surrounded" spiegelt, dessen Genese zwölf Jahre gedauert haben soll. Wir hören ihn entsprechend einnehmend in der Originalversion und - in der Coda - als seine eigene Vorstudie mit Klavier und Streichquartett im auch von Herrn Cohen geschätzten, zum melancholischen Tänzeln ladenden Dreivierteltakt. Es ist ein Song, der nicht nur mit dem markdurchdringend auf die Hörerschaft losgelassenen vokalen Weckruf "Desire!" untermauert, dass Sehnsucht immer schon ein guter Rettungsanker war. Man muss sich dafür noch nicht zwangsläufig bewegen, verändern oder gar irgendwo ankommen. Man muss sich dafür als Kopfreisender zunächst einmal "nur" wegdenken wollen.

Noch mehr Drastik und den vielleicht heftigsten denkbaren Konzertmoment gibt es bei Soap&Skin verlässlich mit ihrer auch für das heimische Popgeschehen in seiner thematischen Vorliebe für die letzten Dinge, den Zentralfriedhof und olle seine Toten beispiellosen autobiografischen Trauermeditation "Vater": "Wo immer ich aufschlage, find’ ich dich / Du fällst im Schatten der Tage als Stille und Stich / Ich wart’ auf dich / Wann kommst du wieder heim?" Hier wird mit einer adaptierten Version stärker noch als zuletzt mit Gegensätzen gespielt und von einer eingangs beinahe friedlichen Deutung über eine Art symphonisch unterwanderten Noiseangriff mit einmal Blitzlichtgewitter extra der wunde Punkt getroffen, an dem es wehtut.

Kontrastmittelmanier

Soap&Skin flüchtet sich in die Arme ihrer als Backgroundsängerin mitgenommenen Schwester und in fortgesponnener musikalischer Kontrastmittelmanier in die bisher hellsten Momente ihres Schaffens: "Italy" als erinnerungsromantisch abgefederte Urlaubsode mit Badeschuhen und nassen Haaren im Wind und das zwischen Seufzgesang und Synthie-Arpeggio durchwegs dem Kitsch zugeneigte "Heal" mit seinen früher definitiv undenkbaren Zeilen "Fear used to be near here / but won’t anymore."

Die klassische Umrahmung, in der das Flügelhorn derzeit die Hauptrolle einnimmt, wird erst später gegen ein elektronisches Pumpen und Pochen ausgetauscht. Vor allem das Omar-Souleyman-Cover "Mawal Jamar" mit Soap&Skin als Kampftänzerin auf dem Weg zur Erlösung und eine dräuende Version des Lana-Del-Rey-Songs "Gods And Monsters" sind hier hervorzuheben - aber auch ein an den "Koyaanisqatsi"-Soundtrack von Philip Glass oder das Schaffen der schwedischen Horrororganistin Anna von Hausswolff erinnernder Ausflug der Musikerin an die Orgel.

"What A Wonderful World" von Louis Armstrong wird im Anschluss nicht nur zum Schlussakkord, sondern auch zum letzten Bruch: Alles wird gut. Wer hätte das gedacht?