Natürlich ist Rockmusik seit Jahrhunderten tot. Und glücklicherweise plagen sich in schöner Regelmäßigkeit neue Generationen, um aus ihren sterblichen Überresten winzige Rudimente an Essenz herauszuquetschen: all die Strokes, Black Rebel Motorcycle Clubs oder White Stripes, die sich am Erbe der Velvet Underground, Stooges, Sonic Youth, Gun Club u.v.m. abgestrudelt haben.

White Denim gehören gegenwärtig zu den zwingendsten dieser Wiedergänger. Mit offensichtlich unbändiger Lust zelebrieren sie historische Idiome wie Punk, New Wave oder Glam- und Bluesrock, gehen aber auch zwei, drei Schritte weiter, wenn sie in raumgreifenden Gitarren-Jams psychedelische Westcoast-Bands wie Quicksilver Messenger Service oder Southern-Rock-Legenden wie die Allman Brothers aufrufen und hin und wieder leicht comedyhaft an eine Art von Jazz anstreifen, wie ihn auch Frank Zappa gerne zu deuten pflegte.

Steilere Fieberkurve

Sicher birgt solch extreme Zitierfreude ein gewisses Problem für die formale Schlüssigkeit. Aber sie bringt nicht einfach nur epigonenhafte Musik hervor, da sich White Denim nicht wirklich auf das bloße Reproduzieren beschränken. Vielmehr huldigt die Art, wie sie leichthändig divergente Elemente verquirlen, die nicht zusammenzupassen scheinen, der Kunst des Eklektizismus.

Im Kern bestehen White Denim aus Sänger und Gitarrist James Petralli und Bassist Steve Terebecki. Den Rest - Drums, akustische und elektronische Tasteninstrumente und hin und wieder ein Saxofon und eine zweite Gitarre - erledigen ausgesuchte Erfüllungsgehilfen, von denen besonders Keyboarder Michael Hunter eine soundtragende Bedeutung zukommt.

"Side Effects" ist das achte Album der Formation aus Austin, Texas. Es schließt stilistisch an den erst im August letzten Jahres veröffentlichten Vorgänger "Performance" an, der allgemein als ihr bis dahin bester Longplayer gelobt worden ist. Der kurze Abstand der Veröffentlichungen und die Ähnlichkeiten erklären sich sehr einfach aus dem Umstand, dass die Stücke bei denselben Sessions entstanden sind.

Möglich, dass "Performance" die etwas profilierteren Songs hatte. "Side Effects" aber punktet mit verschärftem Tempo und noch steilerer emotionaler Fieberkurve. Zwei Titel ragen in dieser Hinsicht besonders heraus: Der Opener "Small Talk (Feeling Control)" kommt als trocken über einem Minimalriff herausgeknüppelter Rocker mit schrägen SynthieEffekten. Noch stärker ist "Head Spinning": Wie Petralli auf der Facebookseite der Band verlauten lässt, steht der furiose Song "in unendlicher Schuld" sowohl an Devos "Uncontrollable Urge" wie auch "Neat Neat Neat" von den Punk-Veteranen The Damned.

Knappe Spielzeit

Frappant - wenn auch vermutlich unbewusst - ist allerdings auch die Ähnlichkeit zu Alex Chiltons Kracher "Bangkok". Jedenfalls verbindet sich die Geschichte von "Head Spinning" mit jener Phase in den mittleren Nullerjahren, als sich Petralli noch in einer Band namens Parque Touch verdingte und mit dieser vor einer Handvoll Versprengter spielte. Dieses oder nächstes Jahr soll die seit Ewigkeiten geplante LP von Parque Torch übrigens tatsächlich erscheinen und "Head Spinning" in einer upgedateten Version Teil davon sein.

Musikalischen Humor mit "Muuh" und Schweine-Quäken transportiert ein entfernt an die Meat Puppets erinnerndes Stück mit dem schönen Titel "Hallelujah Strike Gold". In "NY Money" manifestiert sich der angesprochene abenteuerliche Eklektizismus der Band am nachdrücklichsten: Ein elegantes Synthie-Intro führt in einen akustischen Shuffle, über dem sich der Protagonist in bemerkenswert unaufgeregter Intonation über seine offensichtlich veritable psychische Desorganisation auslässt.

Daraus löst sich schlussendlich ein Gitarrenlauf, der auch den Feelies nicht schlecht angestanden wäre. Mit 6:49 Minuten ist "NY Money" übrigens der einzige längere Song des Albums, dem man als einzigen genuinen Makel eine Spielzeit von unter einer halben Stunde ankreiden könnte.