Auch wenn es noch nicht alle zu ihren Plätzen geschafft haben, Alessia Cara wartet nicht und wärmt schon einmal mit einer gelungenen Mischung aus Hip Hop, Funk, Rock, R’n’B und natürlich ihren Pop-Hits "Scars to Your Beautiful" und "How Far I’ll Go" Bühne und Publikum auf.

Der Dank für ihre Mühe sind begeistertes Gejohle und wedelnde Flashlights von Hunderten Handys. Aber kaum betritt der 20-jährige Kanadier Shawn Mendes das Podium in der ausverkauften Wiener Stadthalle, erreicht der Kreischpegel ungeahnte Dimensionen. Doch von inbrünstigen Botschaften der vornehmlich sehr jungen weiblichen Fans wie "I love you", "Marry me" und "Oh Gott, der ist ja sooo hübsch" lässt sich Mendes weder beeindrucken noch ablenken: Er rockt und singt sich die Seele für alle Anwesenden aus dem Leib, auch für die pflichtschuldigst mitgekommenen Mütter und Väter, die ihre wildgewordenen Töchter mit einem herzhaften Griff ins T-Shirt des Öfteren vor einem Sturz über die Sesselreihen bewahren.

Mitgebracht hat Mendes zu seinem zweiten Wien-Konzert nach 2017 natürlich seine Chartstürmer wie "Mercy", "Stitches", "Treat You Better" oder "Bad Reputation" und aus seinem jüngsten Album sind "Nervous" oder "In My Blood" mit dabei. Aber auch "A Little Too Much", "Particular Taste", "No Promises", "Never Be Alone" oder "Perfectly Wrong" fehlen nicht. Interessant ist, was dem Kanadier zu seinem Song "Youth" einfällt: "Wenn ich sage, ihr könnt mir meine Jugend nicht wegnehmen, dann geht es nicht darum, ob du physisch jung oder alt bist, sondern ob du im Kopf jung bist. Und nur dann können wir die Welt verändern!" Ein geschickter Schwenk vom schmerzenden Herz zur Weltrettung, das muss man ihm lassen . . .

Den Fans ist die Botschaft vermutlich in diesem Moment egal, die wollen ihr Idol singen und spielen hören. Diesem Wunsch kommt er mit allem, was er hat, nach, doch so mitreißend er auch performt, die Band und die Technik machen ihm immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Dass die Live-Versionen seiner Songs wesentlich rockiger und härter sind, als die Studioaufnahmen, ist ja kein Problem, bringt im Gegenteil einen neuen Touch für das Bekannte, allerdings beraubt die oft eher breiige begleitende Klangkulisse die Lieder oftmals ihrer Struktur und ihres ursprünglichen Charakters. Und die Übersteuerung lässt Mendes’ unverkennbare Stimme, die er immer wieder in unglaubliche Höhen schraubt, nahezu untergehen.

Aber wenn er sich ans Klavier setzt oder nur mit seiner Akustikgitarre, auf der er ebenso zuhause ist wie auf der E-Gitarre, seine Songs über Liebe, Herz und Schmerz mit geschlossenen Augen ins Dunkel des Saales singt, dann hat der junge Künstler seine stärksten Momente. Gerade die leisesten Passagen wirken am lautesten, hinterlassen den größten Eindruck, stellen sein riesiges Talent und seine Kreativität ins Rampenlicht, wo sie hingehören. Und da blüht auch Shawn Mendes auf, fast so wie die riesige Rose, die die kleinere, intimere Bühne gegenüber der großen ziert. Zwei Seiten eines jungen Mannes, der uns wohl auch in Zukunft überraschen wird.