"Agora" ist das erste Soloalbum von Christian Fennesz seit fünf Jahren ("Bécs", 2014), doch war der Musiker seitdem keineswegs untätig. Er spielte mit Jim O’Rourke "It’s Hard For Me To Say I’m Sorry" (2016) ein und beteiligte sich 2017 am von Ryuichi Sakamoto kuratierten Glenn Gould Gathering, das in Zusammenarbeit mit der kanadischen Botschaft in Tokio anlässlich des 85. Geburtstag des Pianisten stattfand (und an dem auch Alva Noto und Francesco Tristano mitwirkten).

Das neue Album ist quasi aus einer Verlegenheit heraus entstanden. Wie Fennesz selbst schrieb, musste er seine Ausrüstung aus dem Arbeitsstudio ins Schlafzimmer transferieren, wo er "Agora" einspielte. Die Aufnahmebedingungen waren vielleicht nicht optimal, da alles mittels Kopfhörern zu geschehen hatte. Überdies nutzte der Österreicher - aus der Not eine Tugend machend - nicht einmal alle Instrumente, die ihm zur Verfügung standen, sondern er bediente sich dessen, was gerade zur Hand war. Das Ergebnis sind vier intensive Stücke von je zehn bis zwölf Minuten Spielzeit.

Mit der Konzentration auf Weniges wird Zeit entschleunigt. Fennesz zeichnet mit seinen langsam vorüberziehenden Gitarrenwolken intime Klangfarben, die zu einer Art Yogaminimalismus einladen. In diesem Ambiente bewegen sich die Melodien wie Seelenreisende zaghaft durchs labyrinthische Dickicht und preisen sich nicht so offen an wie etwa auf dem Vorgänger.

Alles wirkt verhalten, erkundend, fast neugierig tastend und wie ein Innehalten, das gleichzeitig fließt und immer wieder Assoziationen zum Wasser hervorruft, das sehnsuchtsvoll auf der Stelle wirbelt; ein Paradox aus Bewegung und Stillstand, das sich beim Regen ("Rainfall") ebenso gut einstellt wie auch beim Wolkendurchbruch der Sonnenstrahlen ("We Trigger The Sun"). Ein Schlafzimmer ist, wie eine Agora, manchmal ein Multikommunikationsort, an dem sich unterschiedliche Stimmen im freien Spiel entfalten und symphonisch der Muße und Muse frönen.