Dass diese Platte besonderen Spaß macht, wird wahr(schein)lich nur ein Scherzkeks behaupten können. Was Lafawndahs LP-Erstling "Ancestor Boy" vielmehr auslöst, ist: Ehrfurcht, Ergriffenheit, Staunen, Faszination. Hin und wieder auch kleine Beschwerden der Nerven infolge Überstrapaze durch den gravitätischen Ernst, mit dem hier performt wird - und dieses permanente Bombardement mit Fingerzeigen, wie gut man modernste Produktionstechnologien mit Ethno-Stilen zu vermählen weiß. Kunst, die sich dem geneigten Hörer offen als Herausforderung zu erkennen gibt.

In Teheran geboren, in Paris aufgewachsen und nach Aufenthalten in New York, Mexiko und L.A. heute in London ansässig, ist Yasmin Dubois, wie Lafawndah bürgerlich heißt, nicht nur geografisch multiversal. So dirigiert die Sängerin, Produzentin und Songschreiberin ihre Videos selbst, malt, und ihr oft atemberaubendes Styling bezeugt auch ein Nahverhältnis zu Modedesign. Und so vielseitig und weitreichend ist auch der stilistische Rahmen ihrer Musik. Früher, als man sich noch nicht für die Plattitüde geniert hat, pflegte man so etwas mit "entzieht sich allen Kategorien" zu bezeichnen.

Markante Wesensmerkmale sind im Klangbild allerdings durchaus deutlich auszumachen: das gewaltige, so gut wie allpräsente, von Rhythmen aus vieler Herren Länder adaptierte Geknüppel und Geschepper von Trommeln und was sonst man dreschen, klöppeln oder schütteln kann, ein rollender Bass, Lafawndahs eindringlicher Gesang. Darüber und drumherum vazieren Streicherwolken und das atmosphärische Wettern und Dröhnen elektronischer Gerätschaft. Das Resultat ist ein eigentümlicher Hybrid aus Electro-Folk und R&B mit experimentellem Einschlag von wechselhafter Intensität.

Das auf dem eigenem Label Concordia veröffentlichte Album "Ancestor Boy", dem die vergleichsweise noch etwas zugänglicheren EPs "Butter" und "Tan" vorangegangen sind, steigt gleich recht harsch ein.

Übernatürliche Kräfte

Im Opener "Uniform" steigert sich Lafawndah synchron mit den Drums in ein atemloses Stakkato. "Daddy" dagegen ist - viel zurückhaltender und fein zwischen Elektronik und Percussion abgestimmt - eine melancholische, selektive Familiengeschichte, von der die Protagonistin nur die guten Dinge behalten und mitnehmen möchte. Um Familiäres dürfte es auch im Anschluss gehen, denn das melodisch schöne, impressiv-emotionale, mit einem extravaganten Orchester-Arrangement endende "Parallel" lässt sich kaum anders denn als Hommage an ihre Mutter deuten ("She has fed me / She has borne me"). Generell stellt sich der Eindruck ein, Lafawndah bündle Texte zu Themenkomplexen, denn der Titelsong wie auch "Storm Chaser" scheinen mythische Wesen zu beschreiben: Der "Ancestor Boy" ist dargestellt wie eine Erlöserfigur, während "Storm Chaser" eine Frau von offensichtlich übernatürlichen Kräften schildert.

Danach versucht sich die Kosmopolitin, die außer auf Englisch auch schon auf Französisch und Suaheli gesungen hat, durchaus achtbar an "Vous Et Nous" vom französischen Avantgarde-Folkpop-Duo Brigitte Fontaine und Areski Belkacem - steht aber gegen den musikalischen Witz des Originals doch auf verlorenem Posten. Während es mit "Joseph", einer Art Wiegenlied, in dem sich Lafawndah in die Mutterrolle imaginiert, noch einmal tief in die Wesenszone geht, bekommt das Album am Ende überraschend ein paar Farbspritzer: "Oasis" ist ein bedachtsames Liebeslied in einnehmendem Electro-Pop-Design.

"Tourist" ist eine triftige Abreibung eben nicht des viel gescholtenen Massentouristen, sondern jenes Typus des "Indivualreisenden", der "das Authentische" sucht: Ich hätte gerne eine Auswahl von Ihren Gewürzen - meine Gäste werden begeistert sein. Ich hätte gerne Haare wie Sie, so glänzend. Das Unbekannte ist mein Seelenbalsam. Ihr Zuhause ist nun mein Zuhause. Sie haben doch nichts dagegen, dass ich hier eine Weile bleibe?