Erst vor wenigen Wochen stand noch ein per Instagram geführter Beef mit Dieter Bohlen auf dem Programm. Der frühere Modern-Talking- und gegenwärtige "DSDS"-Problembär wurde von Capital Bra in bester Manier des FPÖ-Nationalratsabgeordneten Wolfgang Zanger (allerdings nicht im Knittelfelder Dialekt) als männliches Geschlechtsteil bezeichnet. Dass bereits jetzt wieder alles gut ist und Capital Bra - ausgerechnet - mit einer "Cherry Lady" betitelten Coverversion von "Cheri, Cheri Lady", die in seinen Kreisen eigentlich als schwul gelten müsste, aktuell wieder an der Spitze der Charts steht, hat selbstverständlich mit einer Sache zu tun: Es geht nicht nur im Werk von Capital Bra immer und vor allem um massig Kohle, die besungenermaßen zwar rechtschaffen über das Verchecken von Drogen oder das Arbeitenlassen von Schlampen auf der Straße verdient werden kann, realbiografisch zumindest derzeit aber doch mit dem ersten Standbein als Rapper zusammenhängt.

Mit Designerhintergrund

Das männliche Geschlechtsteil, das Dieter Bohlen heißt, darf sich also zurücklehnen und einerseits die Tantiemen beim Eintreffen auf dem Konto begrüßen. Andererseits kann die Geschichte einer regelrechten Bromance, die aus diesem Beef mittlerweile entstanden ist (die beiden Geschäftsleute sind einander im Grunde recht ähnlich) auch für Promotionszwecke gut verwendet werden. Das Geschlechtsteil wird bald auferstehen und im Dezember unter dem Titel "Dieter Bohlen - Die MEGA Tour" auch "live" in der Wiener Stadthalle erklären, warum die Bezeichnung Problembär viel besser passt.

Capital Bra wiederum ist derzeit nicht nur der erfolgreichste Rapper auf deutschem Boden. Der im Jahr 1994 als Vladislav Balovatsky in Sibirien geborene, zunächst in der Ukraine aufgewachsene und schließlich in Berlin ins kleinkriminelle Milieu eingestiegene Mann ("abgerutscht" wäre zu negativ besetzt, auch eine Straßenrap-Karriere beruht auf harter Vorarbeit) mit den zwei Markenzeichen steht derzeit auch in den "Austria Top 40" auf der Eins. Die zwei Markenzeichen sind übrigens ein gerolltes "R", das weniger teutonisch als bei Rammstein, aber gleichfalls markant ausfällt, sowie ein nicht zuletzt in Songs wie "Gucci Capi tief" selbst ins Zentrum gerückter Kopfschmuck mit Designerhintergrund.

Auch wenn der 24-Jährige vom deutschen Feuilleton entweder ignoriert oder als verhältnismäßig nicht ganz so schlimm eingestuft wird, weil er zumindest nicht offen antisemitisch auftritt und bisher keinen "Echo"-Skandal zu verantworten hat (so viel zur Habenseite): In Songs wie "Vladimir Putin", "Russische Muschis", "Braun, gelb, lila", "Zweistellige Haftstrafen", "Fluchtwagen glänzen" oder im Grunde den meisten anderen auch geht es zumindest frauenverachtend und gewaltverherrlichend darum, Schlampen, deine Mutter oder den Rechtsstaat zu ficken.

Ein Maybach voller Nutten

Gefickt werden außerdem Bitches, Neider, selbstverständlich andere Rapper und nicht zuletzt der klassische Bildungsweg. Immerhin geht es in Songs wie "Berlin lebt" nicht von ungefähr darum, mit einem Maybach voller Nutten gerade den verfickten Lehrern von früher zu zeigen, dass man es auch ohne Abi zu etwas gebracht hat. Richtig Eier hat übrigens, wer Capital Bra gegenüber jetzt das Wort "Leasingvertrag" in den Mund nehmen will.

Zu den austauschbar-billigen Beats von "Cherry Lady" erklärt der ehemalige Schützling von Bushido (auch mit ihm gab es Beef, es ging um Polizei) allerdings, dass er auch anders kann. Mit einem nach Vorbild von diesbezüglichen Rap-Veteranen wie Snoop Dogg ins Pornöse schielenden Musikvideo (auf die ungeschnittene Version warten wir noch, vielleicht droppt sie auf YouPorn) heißt es mit dezentem Autotune-Effekt beinahe romantisch: "Cherry, Cherry Lady, du bist was Besondres / Eine Frau fürs Leben / oder für ’ne Nacht." Und auch über die Sache mit deiner Mutter ist zu sagen, dass man immer auch eine eigene hat, der niemand - inklusive einem selbst - blöd kommen darf: "Ich hab’s geschafft, Mama! Hörst du diese Zeilen?"

Für Erziehungsberechtigte dürfte am 19. April anlässlich des ausverkauften Capital-Bra-Konzerts im Wiener Gasometer allerdings trotzdem bereits im Bereich U3 Schlachthausgasse Endstation sein. Für jeden harten Halbstarken ist diese Art Begleitschutz dann doch etwas peinlich.