Was für ein genialer Titel! "Meine bisher beste Arbeit". Wie perfide zweckmäßig!, könnte man unterstellen: Ein griffiger Slogan, den gestresste, durch Zeitdruck zu Schnell- und Kurzschlüssen verdammte Journalisten nur zu bereitwillig und dankbar aufgreifen und bestätigen. Vielfach ist denn auch genau das geschehen: Ob "Rolling Stone", "Stern" oder "Standard" - sie alle pflichten bei, dass "My Finest Work Yet" in Andrew Birds rund 15 Studio-Alben plus zahlreiche Live-Dokumente und EPs umfassendem Œuvre genau das sei.

Wir, der Rezensent, sind da etwas vorsichtiger. "Are You Se-
rious" (2016) als nicht chronologischer, aber phänotypischer Vorgänger - im Bird’schen Werksverzeichnis muss zwischen weitgehend experimentellen und Pop-kompatiblen Platten unterschieden werden -, wies etwa mit seinem Clash aus Rock und Country mit Birds Pizzicata und jazzig/klassizistischen Läufen auf der Geige deutlich mehr dynamische Fallhöhe und Spannung auf.

"My Finest Work Yet" ist zurückgenommener, fraglos ausbalancierter, aber durchaus auch weniger herausfordernd. Die Rock-Einflüsse, die "Are You Se-rious" akzentuiert haben, sind praktisch eliminiert und auf satirische Kinkerlitzchen wie das sentimenttrunkene Duett mit Fiona Apple in "Left Handed Kisses" wird hier ebenfalls verzichtet. Demgegenüber ist "My Finest Work Yet" Birds fraglos kohärenteste, poppigste und ganz gewiss inhaltlich zwingendste Platte.

Wie bei vielen amerikanischen Künstlern aus dem weiten Indie-Orbit hat auch bei Bird die Verschärfung des politischen Klimas (nicht nur) in den USA einen nachdrücklichen Impact hinterlassen.

Ohne dem Baumeister im Oval Office besondere Beachtung, geschweige denn nominelle Erwähnung zu gewähren, befasst sich der vor 45 Jahren in Illinois geborene und gegenwärtig mit Frau und Sohn in L.A. ansässige Bird intensiv mit dem Rechtsruck in seiner Heimat, aber auch weltweit.

Wie ’36 in Katalonien

Er geht dabei so weit, den Spanischen Bürgerkrieg der 1930er Jahre in die Ursachenforschung mit einzubeziehen: Gegen eine vereinigte Rechte aus Faschisten und Klerus musste die zersplitterte Linke den Kürzeren ziehen, erklärt Bird in einer Presse-Aussendung, und sieht darin Parallelen zu den USA, die sich in einem Kalten Bürgerkrieg befänden. Im expressiv schleichenden, von einem bluesigen Piano dominierten "Bloodless", verdreht Bird, mit resignativem Einschlag in seinem Engels-Bariton, die Bedeutung des Begriffs Bürgerkrieg (civil war) zu uncivil war und singt: "It feels like 1936 in Catalonia".

Die "Bloodless" zugrundeliegende Unzufriedenheit mit den Widerstandskräften gegen Trump & Co äußert sich noch deutlicher in "Fallorun", das mit den Worten "We could have been together / but you couldn’t stand the weather here" beginnt. "Man hört beiläufig, ,Mann, es wird wirklich schlimm hier. Zeit, nach Neuseeland oder Schweden zu übersiedeln.‘ Es ist ist dieses selbstbezogene, individualistische Nur-auf-sich-selbst-Schauen", kritisiert Bird in einem Interview mit seinem Schulfreund und renommierten Autor Dave Eggers, das der Vinyl-Edition von "My Finest Work Yet" beiliegt.

Ein Aufbäumen gegen Passivität und innere Emigration lässt sich demzufolge aus mehreren Texten des Albums herauslesen. Im Schlusssong "Bellevue Bridge Club" droht er einem nicht näher bezeichneten "du" drastische Maßnahmen gegen seine/ihre offensichtliche Apathie an, in "Archipelago" fordert er ein Ende aller Ausreden.

Leitmythos Sisyphus

Bird weiß um die Problematik seiner Appelle, der Vergiftung aller gesellschaftlichen Lebensbereiche gemeinschaftliche Tatkraft entgegenzusetzen. Wie er in "Bloodless" selbst konstatiert, ist es hart, Optimist zu sein, wenn genau diejenigen, die Lösungen anzubieten vorgeben, am wenigsten vertrauenswürdig sind.

Passenderweise beginnt die LP mit "Sisyphus", der griechischen Mythenfigur, die stets aufs Neue einen Felsblock den Berg hinaufwälzen muss und ein Synonym für die Absurdität des Lebens geworden ist. Bei Andrew Bird gibt sie erstens seinen bisher attraktivsten Song ab und zweitens die Wegrichtung für seine neue LP vor: etwas weniger Geige, mehr akustische Gitarre und deutlich (noch) mehr Pfeifen, das Bird in den Rang eines führenden, buchstäblich tonangebenden Instruments erhoben hat.