Alles andere als närrisch: "Fool" von Joe Jackson
Alles andere als närrisch: "Fool" von Joe Jackson

Entwicklung wird im Pop allgemein überschätzt. Auf Wiedererkennbarkeit angelegt, zählt Konstanz mehr als Veränderung. Große Stilbrüche, wie etwa bei Radiohead (ab "Kid A") oder in der Post-Talk-Talk-Phase beim heuer verstorbenen Mark Hollis sind eher Ausnahmen (die in der Regel bei Kritikern besser ankommen als beim Stammpublikum). Die meisten Musiker bleiben sich und ihren Sounds weitgehend treu - auch über lange Zeiträume hinweg. Oder finden wieder zu alten Stärken zurück. So wie Joe Jackson. Der englische Sänger und Pianist, der heuer 65 wird und einst als schnittiger New Waver begann, klingt auf "Fool", seinem neuen, insgesamt 20. Studioalbum, das im Jänner erschienen ist, wie auf seinen besten und erfolgreichsten Alben aus den 80ern, vor allem "Night & Day" (1982) und "Body & Soul" (1984). Da passt alles, genauso maßvoll und angegossen wie der Anzug, mit dem Jackson stets auftritt. Er ist ein famoser Handwerker, und seine vom Piano her getriebenen Balladen, dezent angereichert mit Jazz-, Soul- und Rock-Shuffle-Elementen und mit mustergültigen harmonischen und rhythmischen Wechseln versehen, sind kraftvoll wie schon lange nicht mehr. Unvergessen die ersten Worte, mit denen der unerschrockene Brite einst die Bühne des legendären deutschen "Rockpalasts" (1980) betrat: "Never seen so much drunken germans". Genauso ungeschminkt, direkt und wahrhaftig - also alles andere als narrenhaft - tritt er uns auf "Fool" entgegen (Anspieltipps: "Dave", "Friend Better").

Ein Bruder in Stil und Geist, obwohl erst halb so alt, ist der Amerikaner Robert Ellis, der auf "Texas Piano Man" - als genau solch einer auftritt. Im weißen Smoking ist der angestammte Singer/Songwriter diesmal ganz in seinem Element, tauscht Gitarre gegen Tasten - und legt munter drauf los. Zentraler Song ist "Passive Aggressive", der flott perkussiv dahinperlend allerlei Psychogebrabbel aufs Korn nimmt. Wunderbar "Let Me In", ein süffig alle musikalischen Register ziehender Song - auch wenn’s nichts nützt: die Tür bleibt zu! Auch der Rest ist großes Kino - mit grandiosen Arrangements und präzisem Storytelling. "I’m happy as a Goldfish", heißt es an einer Stelle. Da sind wir dabei - und tauchen erfreut mit ein.

David Gray, dem vor 20 Jahren das Kunststück gelang, mit der Wiederveröffentlichung eines Albums, das beim ersten Mal nur lokal erfolgreich war (in Irland), einen Welterfolg zu landen ("White Ladder", bis heute über 6 Millionen Mal verkauft), hat auf seinem elften Studioalbum, "Gold In A Brass Age", tatsächlich etwas Neues ausprobiert. Gemeinsam mit dem Multiinstrumentalisten Ben de Vries hat er mittels Cut and Paste allerlei musikalische, vor allem elektronische Schnipsel in seine Songs eingearbeitet. Und wieder gelingt ihm ein höchst formidables Kunststück, denn die Methode funktioniert prächtig.