Sie besitzt eine der schönsten, vielseitigsten und ausdrucksvollsten Jazz-Stimmen. Kein Wunder, dass Dianne Reeves als erste Sängerin in drei aufeinander folgenden Jahren und zwei weitere Male mit dem Grammy ausgezeichnet wurde. Die 62-Jährige singt mit einer faszinierenden Intonationssicherheit, großer emotionaler Tiefe und einem lebensbejahenden Timbre, das die Zuhörer sofort akustisch umarmt. Auf allen stilistischen Ebenen ist ihr Sopran, der mit faszinierender Leichtigkeit durch die Oktaven segelt, zuhause. Die "Wiener Zeitung" traf die warmherzige Grande Dame vor ihrem Auftritt im Konzerthaus.

"Wiener Zeitung": Als Sie Ihre Karriere begannen, war die Musikszene völlig anders.

Dianne Reeves: Ich glaube, der wichtigste Unterschied war, dass die Musik damals nicht nur der Unterhaltung diente, sondern so etwas wie ein Lebensstil war. Viele Künstler waren politisch sehr bewusst und sozialkritisch. Es ging nicht nur um den Beat, sondern um die Botschaft. Es war wie Seelennahrung, eine Musik der Hoffnung. Zu der Zeit waren die Genres nicht so stark getrennt. Rockmusiker freuten sich darüber, wenn Jazzmusiker ihre Songs aufgriffen, oder sie spielten gleich zusammen. Man konnte Ravi Shankar und Miles Davis bei einem Konzert erleben. Das war eine außergewöhnliche Erfahrung. Ich erinnere mich noch, als ich bei einem Konzert von Ella Fitzgerald war und sie die Hits der Beatles sang. Es war einfach eine große Gemeinschaft. Es gab Lieder, die wir wie einen Bibelvers sangen, weil sie uns halfen, unseren Alltag zu bewältigen. Diese Songs waren für den Kopf, das Herz und gleichzeitig für die Füße.

Ihr preisgekröntes Album "Beautiful Life" eröffnen Sie mit einer Version von Marvin Gayes Song "I want you". Warum?

Er bedeutet mir sehr viel. Marvin Gaye war ein begnadeter Sänger und total aufrichtig. Ich weiß noch genau, als sein Album "What’s Going On" herauskam und es mich total überwältigte. Es war die erste Platte, die ich mir von meinem eigenen Geld kaufte. Sie zeigte tatsächlich, was sich zu dieser Zeit in Amerika abspielte. Die jungen Männer kamen aus dem Vietnamkrieg und hatten diese Brutalität erlebt. Und Musik war ein wesentlicher Teil dieser Bewegung für gleiche Bürgerrechte und gegen den Vietnamkrieg. Alle kamen zusammen. Es ging um Menschlichkeit und Hoffnung. All das steckte in seiner Musik, die Jazzanklänge hat.

Inspiriert zu diesem Album hat Sie auch ein Bild von Gustav Klimt. Wie kam es dazu?

Ich hatte nach einem Auftritt in Wien etwas Zeit und wollte eigentlich sein berühmtes Bild "Der Kuss" sehen. Deshalb ging ich ins Belvedere. Doch dann faszinierte mich eine seiner kühnen Allegorien, die eine junge Frau zeigt in ihren verschiedenen Lebensphasen. Die Stationen einer Lebensreise von Unschuld zu wachsender Reife mochte ich besonders.