Als eine der Hauptattraktionen in Krems mit dabei: die US-Amerikanerin Holly Herndon. - © Holly Herndon
Als eine der Hauptattraktionen in Krems mit dabei: die US-Amerikanerin Holly Herndon. - © Holly Herndon

Wenn heute das Wort "Gesellschaft" fällt, kommt dieses in den seltensten Fällen mit Zusätzen wie "Abend" daher, um so etwas wie eine gute Zeit zu markieren, die man gemeinsam mit anderen hatte. Auch das "Tabu" ist in diesem Zusammenhang deutlich rarer geworden, da thematische No-go-Areas eher nicht mehr existieren. Das ist eine sehr gute Sache: Reden kann man in der Gegenwart über grundsätzlich alles - wo das Wort "Gesellschaft" auftaucht, wird es aktuell halt trotzdem immer auch um deren Spaltung gehen.

Auch das Donaufestival in Krems kommt an dieser Tatsache nicht vorbei und lässt seinen künstlerischen Leiter, den auch als Ausstellungskurator oder in seiner Rolle als "Apotheker Edlinger" aus "Willkommen Österreich" bekannten FM4-Radiomacher Thomas Edlinger ("Im Sumpf") am Beginn seiner dritten Saison nicht nur im Programmheft zum Thema reflektieren. Allerdings wäre es nicht das Donaufestival, wenn der Blick am Status quo hängenbliebe. Es geht unter dem Motto "New Society" mit einer Prise vertrautem Science-Fiction-Einschlag zurück in die Zukunft, dorthin, wo ein Utopistan liegt, das sich vom blinden Fortschrittsglauben längst verabschiedet hat - und jetzt zu kippen droht.

"Dieser Zustand ist nicht tanzbar", sang Jochen Distelmeyer an der Speerspitze des Hamburger Diskursrock mit seiner Band Blumfeld einst im fernen Jahr 1992. Dass das Gegenteil auch stimmt, erklärt die auf Pop und Diskurs fokussierte Veranstaltungsreihe am Rande der schönen Wachau nicht zuletzt in seiner Performance-Leiste. Und auch das Talk- und Kunstprogramm, in dem sich etwa der niederländische Künstler Jonas Staal mit der finsteren Propagandamaschinerie des Alt-Right-Aktivisten und ehemaligen Trump-Beraters Steve Bannon beschäftigen wird, dient dem Donaufestival hier als Trägerrakete.

Für das wie gewohnt breit aufgestellte Musikprogramm, bei dem es mit dem thematischen Überbau (gleichfalls wie gewohnt) etwas schwieriger wird, bringt das Schlagwort der "New Society" den Vorteil mit sich, dass sich zur Gesellschaft nicht nur ein jeder zwangsläufig verhält. Genau so, wie man nicht nicht kommunizieren kann, kann man auch nicht kein Teil von ihr sein, selbst wenn man sich freiwillig zurückzieht. So passen Soloauftritte wie jener der Wiener Schlagzeugerin Katharina Ernst ebenso ins Konzept (Vereinzelung und Ich-AG!) wie das Eröffnungskonzert des israelischen Grenzlandgitarristen Yonatan Gat, der Heil und Transzendenz im interkulturellen Brückenschlag und im Kollektiv mit seinen Eastern Medicine Singers suchen wird.

Ohnehin im thematischen Umfeld bewegt sich die US-Musikerin Holly Herndon mit theorielastigen und universitätsgeschulten Laptopkompositionen an der spätestens seit Kraftwerk bekannten Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Wo man auf ihrem Album "Platform" von 2015 etwa auch eine Art Breakup-Song an den eigenen Klapprechner hören konnte, wird auf dem am 10. Mai erscheinenden Nachfolger "Proto" - und exklusiv bereits vorab live in Krems - auch auf den Einsatz künstlicher Intelligenz gesetzt. Science-Fiction in sehr, sehr real.

Freie Töne

Noch realer, weil gänzlich dem betongrauen Alltag verpflichtet, trifft sich außerdem ein Auftritt der aus London stammenden Poetry-Slammerin, Drehbuchautorin, Lyrikerin, Rapperin und Spoken-Word-Performerin Kate Tempest sehr gut. Die 33-Jährige verknüpft ihre Vorliebe für die griechische Tragödie schon einmal mit einem Blick auf das desolate Prä-Brexit-Britannien - unter besonderer Berücksichtigung von Themen wie Jugendarbeitslosigkeit und Drogenmissbrauch. Sie gehört damit zu den Zugpferden der Saison 2019, für die auch die schwedische Organistin Anna von Hausswolff, der Berliner Musiker Sascha Ring alias Apparat, die kosmopolitische Newcomerin Lafawndah oder die Industrial-Metal-Veteranen Godflesh gewonnen wurden.

Den Anteil an freien Tönen am Donaufestival jazzt Edlinger zudem mit Eklektikern wie Ben LaMar Gay aus Chicago oder den wüsten Gitarrenverfremdungen des heimischen Duos Schtum hoch. Und nach wie vor hoch im Kurs steht die musikalische Auseinandersetzung mit den Themen Rassismus (bei Irreversible Entenglements aus Philadelphia oder dem ehemaligen Totengräber Lonnie Holley) sowie Queer-Feminismus und Gender (Fatima Al Qadiri, Shortparis, Planningtorock . . . ).