Die Konzerthallen haben sie immer noch gefüllt. In den Schlagzeilen aber hatten sie schon länger keinen Auftritt. Wer weiß, vielleicht hat das genagt an den strammen Mannen. Am 28. März veröffentlichten Rammstein, Vertreter eines grollend germanischen Heavy Metal, jedenfalls den Ausschnitt eines neuen Videos - und er überflügelte die bisherigen Koketterien der Band mit rechten Symbolen: Die Musiker hatten sich als KZ-Häftlinge verkleidet, Galgen vor dem Gesicht. Das Echo war so heftig wie vorhersehbar: Presse, Politik und Verbände stießen ins Horn der Entrüstung.

Tags darauf aber schon Stufe zwei im PR-Plan: Das gesamte Video ging online - und schwächte den Empörungswind ab. Denn im Clip zu "Deutschland" tritt eine dunkelhäutige Frau als Königin Germania auf; und im Rahmen einer wirren Bilderflut erschießen die KZ-Häftlinge ihre Peiniger. Entwarnung also: Rammstein machen weiterhin nicht Ernst am rechten Rand, sondern bleiben ihrer Rolle als Betreiber eines düsterdeutschen Themenparks treu - so degoutant es ist, Konzentrationslager als Klickmagneten einzusetzen.

Die Band mit dem Hang zu Feuersbrünsten und rollenden Rs bei ihrer Darrrbietung hat auch einen Auftritt im neuen Buch von Michael Behrendt: Der deutsche Journalist legt auf mehr als 200 Seiten ein Kompendium provokanter Popsongs vor. Ein lohnendes Thema, wimmelt es doch nur so von derlei Liedern - in etlichen Spielarten. Da wird die Öffentlichkeit mal mit dem feinen Florett attackiert, mal mit dem Dampfhammer. Auch die Grundabsicht variiert, vom plumpen Sexskandal zum politischen Aufbegehren. Auch Behrendt, das muss man anmerken, kommt als Autor allerdings zu wechselhaften Resultaten: Im Mühen um einen flockigen Ton schleichen sich hie und da Floskeln wie im deutschen Privat-TV ein. Das Gros der Seiten unterhält aber mit kurzweiligen Schlaglichtern und geistreichen Bögen durch die Musikgeschichte.

Etwa auf dem Gebiet des politischen Protests. Ein Ehrenplatz gebührt Billie Holidays Ballade "Strange Fruit" (1939) - über jene seltsame Frucht, die von den Pappeln der Südstaaten baumelt: Es sind Opfer der Lynchjustiz, die in grimmiger Sachlichkeit beschrieben werden. Drastische Bilder wählte aber nicht nur Holiday im Kampf für schwarze Bürgerrechte - eine weiße Band namens MC5 stand dem nicht nach. Bemerkenswert: Während die Hippies schmusige Urstände feierten, barg die raue Aggression dieses Quintetts 1969 schon den Keim des Punk. "Motor City is Burning", sangen sie nach den Unruhen von Detroit und veränderten die Blues-Nummer von John Lee Hooker dafür markant: In ihrer Version müssen die Weißen mitansehen, wie ihr Heim dem Kampf der Afro-Amerikaner zum Opfer fällt. Weiteres Beispiel für lodernden und linken Zorn: die deutsche Band Ton Steine Scherben. Die wütete nicht nur mit Krawallhymnen wie "Macht kaputt, was euch kaputt macht" (1970). Um das "Unterdrückungsmedium Fernsehen" zu zerstören, hieb der Bandmanager Nikel Pallat in einer Talkshow mit einer Axt auf den Tisch ein - das klassenfeindliche Möbel hielt aber stand.

Sozialkritik lässt sich freilich auch feiner äußern, wie Georg Kreisler lehrte. Seltsam: Behrendts Buch würdigt ihn mit einem frühen Song aus dem US-Exil. Dabei sorgten Kreislers spätere Spießerparodien in Wien für weitaus mehr Wirbel, etwa das "Taubenvergiften im Park" - ein Meisterstück ätzender Satire. Das lässt sich auch von Frank Zappas "Bobby Brown" (1979) behaupten. Der Ohrwurm des US-Exzentrikers verdankt seine hiesige Radiopräsenz wohl dem Umstand, dass das Ohr an der Melodie kleben bleibt. Sonst bekäme es die Geschichte eines College-Feschaks zu hören, der mit einer Vergewaltigung liebäugelt, von der Frauenbewegung irritiert ist und verräterisch nach Vaseline riecht. Es nimmt nicht wunder, dass Zappa zeitlebens auf Kriegsfuß stand mit den Radiostationen.

Eine Stöhn-Statistik

Dass denen auch sonst manches Ärgernis blühte, führen weitere Kapitel aus: Von The Who und ihrer Erwachsenen-Schmähung "My Generation" über The Doors und ihr ödipales "The End" bis zu Falco und seinem kalkulierten Schocker "Jeanny". Wobei der Skandal um so sicherer scheint, je handfester der Reiz ist. Siehe dazu etwa Rammstein. Oder die notorischen Sexskandale aus dem Jahre Schnee. Da setzten nicht nur Serge Gainsbourg und Jane Birkin ("Je t’aime . . . Moi non plus", 1969) einen Stöhn-Höhepunkt. Ganze 17 Minuten gab Donna Summer im Disco-Hit "Love To Love You Baby" immer wieder laszive Laute von sich. Ein Blödsinn, fand die Fachpresse. Und zählte doch mit. Laut "Time Magazine" simulierte Summer 22 Orgasmen.