Der Bass pocht unerbittlich über die Tanzfläche. Fragmentarische Synthesizer-Harmonien begleiten freie Beats. Alles bäumt sich zu einem immer einnehmenderen, fordernden Klanggebilde auf, das sich in absehbarer Zeit entladen wird. Entladen muss. Lange ist die Spannung physisch nicht mehr auszuhalten. Bald, gleich, jetzt - kommt er, der sogenannte Drop, der die ekstatisch sich windenden Körper, die klangliche Klimax zugleich zelebrierend und auf Erlösung harrend, für kurze Zeit ins freischwebende musikalische Nirwana stößt, bevor er sie einem neuen Beat zuführt.

Das ist Techno. Oder zumindest will er so erlebt und verstanden sein: nicht als Frontalbeschallung oder Konzert, das die Musiker in den Mittelpunkt stellt, sondern als kollektive Ganzkörpererfahrung, die jene vor und hinter dem DJ-Pult zu einem euphorisch bis entrückten Feierknäuel eint. Das ist heute so - das war damals so. Als Techno Anfang der 90er Jahre langsam auch in Wien durch die Verstärker zuckte, hinkte die Stadt damit zwar anderen europäischen Städten wie Berlin oder London um einige Zeit hinterher. Doch auch hier ging es darum, Vorangegangenes abzuschütteln und sich von Bisherigem abzugrenzen - musikalisch etwa von House, subkulturell unter anderem vom Punk.

Get ready! Auf Techno-Festen und Raves sind schrille Outfits Pflicht, wie hier beim jährlichen KaZanti-Festival in der Ukraine. - © Splashline
Get ready! Auf Techno-Festen und Raves sind schrille Outfits Pflicht, wie hier beim jährlichen KaZanti-Festival in der Ukraine. - © Splashline

Soundtrack des Mauerfalls

"In dem Moment hat sich für mich aufgelöst, was bis dahin war", beschreibt Peter Votava den Moment, als seine Gehörgänge 1991 in Berlin zum ersten Mal mit Techno gurgelten. Als DJ Pure war er damals maßgeblich daran beteiligt, dass das neue Genre auch in Wien widerhallte. "Es war viel konzentrierter als die elektronische Musik, die ich bis dahin kannte. Das waren keine Songs mehr, sondern Tracks. Und die hatten eine Funktion: dass man dazu tanzt und sonst gar nichts."

In mittlerweile fast 30 Jahren hat sich natürlich einiges geändert: Techno entwuchs der Subkultur, zerbarst in unzählige Untergenres und schlug Wellen bis in den Pop, wurde zum Überbegriff für elektronische Tanzmusik einerseits, zum Genre innerhalb dieser andererseits: "120 Beats pro Minute, keine Vocals, reduzierte Instrumentierung auf Drums, Bass und kleine Synthie-Harmonien" - so beschreibt es Musikwissenschafter Matthias Pasdzierny von der Universität der Künste Berlin.

Dieses Verständnis von Techno erfährt seit einiger Zeit ein starkes Revival, auch in Wien. Und das nicht nur in bestimmten Clubs, sondern auch im öffentlichen Raum. Noch vor einigen Jahren zelebrierte die Wiener Szene den Freiluft-Gedanken vermehrt auf kleineren illegalen oder spontanen Raves, also Techno-Partys, an der Peripherie. Mittlerweile begleiten die freien Beats immer öfter angemeldete politische Proteste und Kundgebungen, wie etwa der zweitägige 1.-Mai-Rave zeigt, der seit 2017 am Maria-Theresien-Platz stattfindet. Das hat unter anderem ganz pragmatische Gründe: "Im Rahmen eines politischen Protests gibt es weniger bürokratische Hürden, als wenn man einen Outdoor-Rave als Veranstaltung anmelden will", sagt Annika Stein, eine der Protagonistinnen der heutigen Wiener Techno-Szene.