Warum warten, wenn man es gleich haben kann? Dianne Reeves nimmt Blumen nicht erst beim Konzertende in Empfang, sie lässt sich schon zu Beginn eine ansehnliche Blütenfülle neben dem Mikrofon aufpflanzen. Wiener Jazzfans kennen diese Gepflogenheit, und sie können auch manchen Satz fast schon mitsprechen, der Reeves an diesem Abend über die lächelnden Lippen kommen wird - wenn sie das Publikum anfangs zum Zurücklehnen einlädt oder später, vor dem Duo-Teil, ihre erste Begegnung mit Gitarrist Romero Lubambo schildert. Reeves ist seit März 2002 neun Mal im Wiener Konzerthaus vorstellig geworden, im Schnitt alle zwei Jahre; wenn sie den großen Saal zu ihrem "Wohnzimmer" erklärt, ist das fast mehr als ein Gemeinplatz.

Reichlich Routine also, und doch kein Widerspruch zur Unterhaltung. Dafür sorgt (nebst einem agilen Begleit-Quartett) der Wechsel zwischen den einstigen Bravour-Genres der Sängerin aus Detroit. Da setzt es souligen Seelenbalsam ("The Twelfth Of Never" und "Bridges"), da werden vergnügte Bossa-Rhythmen ausgefolgt ("Waters Of March"), da grüßt ein hurtiger Ausläufer des Swing-Fachs ("That’s All"). Vor allem steigert sich der Energiepegel. Selbst wenn die 62-Jährige, die diesmal auch ein Plädoyer für Weitsichtbrillen hält, mittlerweile eine gewisse Warmlaufphase benötigt, ist ihre rauchige Wuchtstimme nach zehn Minuten auf Betriebstemperatur und befeuert Pat Methenys Zugnummer "Minuano" mit kehligen Vokalisen. Gestalterisches Highlight: Wayne Shorters Ballade "Infant Eyes", beschworen mit einer enigmatischen Mischung aus Brüskheit und Sanftmut.