Es wirkte wie ein Märchen, als Ende der 1990er Jahre die kubanischen Musiker des "Buena Vista Social Club" kometenhaft aufsteigen. Der inzwischen 65-jährige Bandleader Juan de Marcos González prägte diese Geschichte. Wer weiß, ob es ohne den begnadeten Tres-Spieler und Komponisten den "Buena Vista Social Club" überhaupt gegeben hätte? Für ihn ging damit ein Traum in Erfüllung. Mit seinen Afro-Cuban Allstars stellte die Schlüsselfigur der Son-Renaissance eine weitere starke Truppe auch mit jungen Musikern zusammen.

Nie ohne kubanische Zigarre: Juan de Marcos González. - © Luiz Ribeiro
Nie ohne kubanische Zigarre: Juan de Marcos González. - © Luiz Ribeiro

Die "Wiener Zeitung" traf den kubanischen Charmeur, der sein Gegenüber galant mit Handkuss begrüßt, vor seinem Auftritt im Bayerischen Hof.

"Wiener Zeitung":Sie prägten die Son-Legende. Wie kam es dazu?

Juan de Marcos González: Ry Cooder wollte eigentlich ein Projekt gemeinsam mit kubanischen und Musikern aus Mali realisieren. Er hatte damals bereits mit dem malischen Gitarristen Ali Farka Touré das Album "Talking Timbuktu" gemacht. Aber die Afrikaner hatten Visaprobleme und saßen in Burkina Vaso fest. Wir trafen uns in den Egrem-Studios in Havanna, weil ich dort gerade meine CD "A toda Cuba le Gusta" einspielte. Alles war für die Aufnahmen arrangiert.

Von wem stammt die Idee, die alten Soneros zusammenzuführen?

Ich hatte die Idee seit Langem. Es war auch ein Tribut an meinen Vater, der für mich diese Musik verkörperte. Ich wollte den Geist der großen kubanischen Musik reproduzieren, ihn bewahren.

Wie organisierten Sie die Musiker?

Omara Portounda, die mit ihrer vibrato verliebten Stimme meiner Meinung nach die größte Sängerin Kubas überhaupt ist, sollte eigentlich gar nicht beim "Buena Vista Social Club" dabei sein. Ich hatte ursprünglich Celina Gonzales eingeplant, eine música campesina, aus dem Osten Kubas. Aber sie musste absagen. Zufällig fand ich Omara, die gerade im Erdgeschoss der Engrem Studios war. Sie war schon immer meine Lieblingssängerin. Und ich bat sie ins Studio. Ibrahim Ferrer holte ich höchstpersönlich von zu Hause ab. Er wollte erst noch ein Bad nehmen, war noch dreckig vom Schuhe putzen, er verdingte sich als Schuhputzer auf der Straße, als ich ihn quasi ins Studio zerrte.

Der älteste der Truppe war damals Compay Segundo, ihm verdanken wir den Welthit "Chan Chan".

Er war unser Nachbar und ich bekam meine erste Gitarre von ihm. Repilado Francisco, wie er wirklich hieß, erfand die Armónico, eine spezielle Gitarre mit einer zusätzlichen Saite, um den traditionellen Stil der kubanischen Tres-Gitarre noch besser zur Geltung bringen.

Zum harten Kern zählte auch der begnadete Solo-Pianist Ruben Gonzalez. Woher kannten Sie ihn?

Er war mein Onkel. 1943 nahm er bei Arsenio Rodriguez, in dessen Orchester auch mein Vater spielte, seine erste Platte auf. In den 1960ern erfand er mit Enrique Jorrin den "Cha Cha Cha". Als wir zusammen auftraten, litt er schon an Alzheimer, aber spielte immer noch unglaublich. Für mich war es die größte Errungenschaft meines Lebens, diesen großartigen Musikern ihre Würde zurückzugeben.

Hätten Sie diesen Erfolg erwartet?

Natürlich nicht. Wir hofften zwar auf gute Kritiken, aber dieser Boom war überhaupt nicht vorhersehbar. Da hatte Gott seine Hand im Spiel. Gott liebt Kuba.

Wie sehen Sie die Zukunft Kubas?

Im Moment sind wir, meiner Meinung nach, in einer sehr kritischen Situation, nicht allein wegen der ökonomischen Krise durch das Embargo. Ich habe den Eindruck, die junge Generation verliert nach und nach die Verbindung zu unseren kulturellen Wurzeln, zu dem, was uns zu Kubanern macht. Alles dreht sich nur um Handys, Smartphones, Internetzugang. Selbst unter schwierigen Bedingungen kann man seine Würde bewahren. Aber wenn du deine Identität verlierst, dann bist du niemand, ein nichts. Ich sehe die Zukunft Kubas in einem sozialdemokratischen Weg. Eine sozialdemokratische Regierung, die Errungenschaften der kubanischen Revolution erhält. Wir wollen nicht Puerto Rico werden.

Seit Jahrzehnten streitet Kuba mit der Familie Bacardi um die Rum-Marke. Sie sagten einmal einen Gig ab, weil Bacardi der Sponsor war.

Der Rum ist schlecht, auch wenn die Marke so berühmt ist. Wenn Sie nach Kuba fahren und Rum trinken wollen, müssen sie nach Rum mit dem Namen Santiago suchen. Bacardi produziert seinen Rum auf Puerto Rico, das Original wurde vor der Revolution in Santiago de Cuba produziert.

Die US-Regierung unter Präsident Donald Trump verschärft das Embargo wieder. Was sagen Sie dazu?

Von Politik hat Trump keine Ahnung. Ich gebe ihm nicht mehr als vier Jahre. Ich war total überrascht von dieser Wahl. Er ist nicht nur für die schwarze Bevölkerung ein Desaster. Er hat auch die ärmere Schicht der Weißen belogen, indem er versprach, für alle da zu sein.