Sag zum Abschied leise Servus - oder hau‘ ihnen in einem letzten Spektakel ein beherztes "Farewell" um die Ohren. Seit September tourt Sir Elton John mit seiner "Farewell Yellow Brickroad Tour", um sich drei Jahre lang in aller Welt von seinen Fans zu verabschieden.

Nach einem halben Jahrhundert beispielloser Musikkarriere, in denen er sich mit unzähligen Hits in Herzen und Gehörgänge seiner Fans einschrieb, will er nun endgültig das Mikro an den Nagel hängen. Am 1. Mai läutete Reginald Kenneth Dwight, wie der Ritter der Popmusik mit bürgerlichem Namen heißt, seinen zweitägigen Abschied von Wien in der Stadthalle ein - mit voller visueller Bandbreite und ungebrochen starker Stimme.

Angekurbeltes Sentiment

Die Show wird halten, was Elton Johns gewohnt schillerndes Outfit verspricht: In Glitzer von Kopf bis Fuß walzt er "Bennie and the Jets" und "All the Girls Love Alice" dem Publikum entgegen und gegen den teils ungastlichen Sound der Stadthalle an.

Die Bühnenshow übernimmt eine gigantische Videowall, die von psychedelischen Farbmustern und Formen bis pathetischen Schwarz-Weiß-Videos so ziemlich jede Musikvideo-Ästhetik der vergangenen Jahrzehnte auffährt. Das wirkt zwar ein wenig zusammengewürfelt und stellenweise kitschig, aber wie sonst könnte man einem derart umfangreichen musikalischen Repertoire visuell beikommen, das Elton John seinem begeisterten Publikum knappe drei Stunden lang aufspielen wird?

Von legendären Pop-Balladen wie "Sorry Seems to Be the Hardest Word" bis zu kraftvollen Hymnen wie "Rocket Man" ist so ziemlich für alle Geschmäcker und Generationen, die im Publikum breit gefächert vertreten sind, etwas dabei; trotz Legendenstatus klingt kein einziger Song angestaubt. Im Gegenteil: Die unterschiedlichen Ären vermischen sich zu einer Show, die ihre eigene Zeitrechnung zu haben scheint. Nicht unzeitgemäß, sondern zeitlos. Ein besonderes Highlight ist das weniger bekannte "Indian Sunset" bei dem Elton John von Percussion-Meister Ray Cooper eindrucksvoll begleitet wird, der den ganzen Abend über brilliert. Die insgesamt sechsköpfige Band aus treuen Weggefährten und neueren Begleitern heizt ordentlich ein, wenn nötig, und stürzt sich zusammen mit Elton John am Klavier immer wieder in ebenso mitreißende wie gekonnte Instrumentalimprovisationen.

Zwischen geballter musikalischer Power sind es allerdings vor allem die Soli vom Pop-Balladen-Meister selbst, die das Sentiment ankurbeln. Wenn allein seine nach wie vor umfangreiche Stimme und seine klaren Klavierläufe im Spotlight stehen, kann sich selbst der größte Zyniker einem Anflug von Gänsehaut nicht erwehren. Besonders bei "Candle in the Wind", das den Höhepunkt des ersten Showteils darstellt. Und plötzlich schwebt Elton John dabei auch noch samt Klavier von einer Seite der Bühne zur anderen, als würde er auf einem Staubsauger-Roboter sitzen. Der wäre übrigens auch praktisch für das Konfetti, das es gegen Ende der Show regnen wird. Aber erst einmal geht er nach seiner ikonischen Hymne auf Marilyn Monroe ab, um sich umzuziehen und dann in neuem, natürlich ebenfalls schrillem Outfit mit seinem Flügeltaxi zum Ausgangsort zurückzufahren.

Während der erste Teil noch behände Song an Song reihte, lediglich unterbrochen von Elton Johns wiederholtem Aufstehen trotz vor kurzem verstauchtem Knöchel - was dem 72-Jährigen die Menge übrigens jedes Mal mit selbiger Geste dankt -, spricht er im zweiten Teil mehr zu seinen Fans. Er thematisiert etwa seine Drogensucht in den 80ern, aber auch sein Engagement im Kampf gegen AIDS. "Love is the Cure", zitiert er schließlich sein Mantra, und stimmt mit "Believe" die Hymne auf die Liebe an. Dann braucht es nur mehr ein paar weitere tragende bis fetzige Nummern, bis die Sitzplätze endgültig zu Stehplätzen werden. Fans drängen nach vorne an den Bühnenrand oder tanzen verträumt zu zweit übers Parkett. Eine kurze Zugabe noch mit "Your Song", bevor Elton John sich schließlich mit "Goodbye Yellow Brick Road" auch von den grauen Asphaltstraßen Wiens verabschiedet. Winkend verschwindet er in einem Aufzugspodest in der Videowall.