Mit Schmelz und Schmalz: Fuzzman ist wieder da. - © Niki Meixner
Mit Schmelz und Schmalz: Fuzzman ist wieder da. - © Niki Meixner

Ein Stern rast Richtung Erde. "Ein höllischer Komet", eine Bedrohung für unseren Planeten? Nicht wirklich. "Ein Eremit am Firmament, und seine Liebe wohnt am andern Himmelsend."

Wer es schafft, im Duktus der Hamburger Schule Schlagerschmalz anzurühren und Mitgefühl für einen Haufen Gesteinsmasse zu generieren, ist ein Genie. Vor allem wenn er das, wie in "Ein Stern, der keinen Namen trägt", über einen Gesang transportiert, der Stahl schmelzen lässt - und das Stahlwerk gleich dazu.

Nun, Fuzzman ist ein Großer. Das ist schon rein formal anhand diverser Welteroberungs-Insignien ersichtlich: Sein Wohnsitz Fuzzhausen (Quelle: Facebook) legt von seinem berühmten Bürger ebenso nominell Zeugnis ab, wie es das jährliche Fuzzman-Sommerfest mit dem Titel Fuzzstock tut. Das Lotterlabel, das er mit Ex-Ö3-Moderator Matthias Euler-Rolle gegründet hat und heute gemeinsam mit Wanda-Entdecker Stefan Redelsteiner betreibt, beheimatet neben ihm und seiner Stammband Naked Lunch etwa Voodoo Jürgens, Pippa, den erfrischenden Electropopper Gutlauninger und die allseits gehypten Indie-Pop-Darlings Paul Jets.

Dazu hat der Fuzzman in Klagenfurt ein eigenes Studio mit dem Namen Fuzzroom, in dem u.a. Werke wie die Kreisky-Alben "Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld" und "Trouble" sowie "Alle Songs bisher", das LP-Debüt von Pauls Jets, entstanden sind. Und wir wollen auch keineswegs übersehen, dass auf dem rückwärtigen Coverfoto seiner nun also vorliegenden neuen LP, "Hände weg von Allem", an einer Häuserecke etwas unscharf, aber doch, auch das Firmenschild "Fuzzman" prangt.

Seit dem Jahr 2005 fügt Herwig Zamernik, wie der 1973 in Wien geborene und in Kärnten sozialisierte Musiker und Produzent bürgerlich heißt, seinem FuzzImperium einen Stein um den anderen hinzu. Davor und daneben verdingte er sich als Bassist der verdienten Alternative-Rock-Band Naked Lunch.

In deren melancholieschweren Fahrwassern bewegten sich denn auch sein unbetiteltes (ausschließlich englisch intoniertes) Solodebüt bei Wohnzimmer Records (2005) und noch dessen Nachfolger "Fuzzman 2". Mit den Alben "Trust Me, Fuckers" und "Fuzzman Feat. The Singin’ Rebels" vollzog Fuzzman dann die Hinwendung zu jenem eigentümlichen Genre-Bastard, der leichtgewichtigen Pop mit einem Hauch von Soul und billiger Elektronik zu einer Art anarchisch-originärem Indie-Schlager verkleistert. Er denke eigentlich über Begriffe wie "Schlager" gar nicht besonders nach, ließ Zamernik indes vor Kurzem auf FM4 verlauten (andererseits deklariert er sich im aktuellen "WUK-Magazin" im Gespräch mit Pauls-Jets-Kopf Paul Buschnegg als "Schlagerheini" mit subversiver Schlagseite).

"Hände weg von Allem", das fünfte reguläre Fuzzman-Album, ist ein verwegener Mischmasch aus allen möglichen und unmöglichen Versatzstücken. Verblüffenderweise wirkt es dabei keinen Augenblick lang plan- oder konzeptlos. Vielmehr kommen die zwölf Songs wie ein irrwitziges Stilkarussell daher. In diesem bilden die zwei englischen Titel, "In The Cold" und "River Of Love", beides stringente, im Falsett gesungene Dancefloor-Tracks, ebenso eine Art Klammer wie die Spezies "edle Ballade", repräsentiert im ergreifenden Beziehungsbruchbewältigungsversuch "Trümmer" und dem oben zitierten "Ein Stern, der keinen Namen trägt", das sich bei Nik P. anlehnt.

"Ich tachinier’!"

Pop der schwungvolleren Art vermittelt "Wir sagen nichts". Das Instrumental "Fuck Me, Trusters", das den Titel der LP-"Trust Me, Fuckers" paraphrasiert, geht kurz in die meditative Tiefe, während der Titelsong cinematografisch breit und inhaltlich recht ungesund als "klassisches" Drama inszeniert ist. Demgegenüber gaukelt "Gerne Schokolade" als astreiner, von Jutti F. intonierter Humptata-Schlager verführerisch eine heile Welt vor.

In "Pferdeäpfel" zerstört Zamernik, der es wie wenige andere Texter deutscher Zunge versteht, Abgründe in vermeintlichen Wohlfühl-Szenarien aufzureißen, eine weihnachtliche Idylle. Zum krönenden Abschluss sabotiert der Künstler in "Ich tachinier" das Disziplinierungs-Ethos des herrschenden politisch-wirtschaftlichen Mainstreams: "Ihr steht ganz früh auf / und arbeitet wie wild / ich tachiniere, häng herum und lass mich einfach geh’n / das leist’ ich mir, ich tachinier’."