Das grundsätzlich Wildeste an der aktuellen Wiederkehr scheint der Projekttitel selbst zu sein. Der hat unter dem Label Pete Doherty & The Puta Madres anscheinend etwas mit Prostituierten und Müttern zu tun, wobei man sich als Konzertgänger mit Schrecken vor allem an den beigestellten Vor- und Nachnamen erinnert.

Immerhin hat man Pete Doherty seinerzeit in den wilden mittleren Nullerjahren in Konzerthallen zu besuchen versucht, in denen man dann aber so lange hin- oder vom Nachhausegehen abgehalten wurde, bis das Festhängen des Künstlers im Schneegestöber einer anderen Großstadt, beim Flughafen-Zoll in einem unbekannten Land in weiter Ferne oder in einer schnörkellos wie ein Londoner Pub-WC eingerichteten Gefängniszelle nicht länger verschweigbar war - und der Protest in Form durch die Halle fliegender Bierflaschen folgte. Rock ’n’ Roll ist außer ein großer Schwindel immer auch eine gewaltige Schweinerei.

Mit Keith-Richards-Damenspitz

Und sollte man einmal doch das "Glück" gehabt haben, dieser zerschlissen bis abgelebt auf dünnen Beinchen in Erscheinung tretenden letzten wahrhaftigen Rock-’n’-Roll-Inkarnation mit permanentem Keith-Richards-Damenspitz und berufsbedingtem Heroinhunger ansichtig zu werden, war sehr wahrscheinlich nach ein paar hingeschluderten Songs mit heiserer Katerstimme auch schon wieder Schluss. Im Backstagebereich wartete neben einem Mehlsack voller Kokain auch das It-Girlfriend der Saison, man musste dafür also Verständnis haben.

Gerade in Zeiten des neoliberal durchorganisierten Unterhaltungsgewerbes mit auch künstlerseitigem Selbstoptimierungszwang darf einem diese an Arbeitsverweigerung grenzende Arbeitseinstellung im Rückblick ja auch durchaus sympathisch sein. Man muss an dieser Stelle übrigens erwähnen, dass das Publikum heute sehr schnell nervös wird, wenn der genaue Dienstantrittsbeginn auf der Bühne nicht zwei Tage vorher im Internet verlautbart ist und die Gefahr besteht, dass man sich grundlos von der Playstation losreißen könnte, um mit dem E-Scooter unnötig Energie zu vergeuden oder sich gar eine Verkühlung zu holen.

Nach seinem Durchbruch im Rahmen des Gitarrenrevivals rund um die Jahrtausendwende mit seiner Erstband The Libertines, der beschriebenen Fortführung der Ausschweifungen mit den nachfolgenden Babyshambles, dem überraschend starken Solodebüt "Grace/Wastelands" im Jahr 2009 und dessen Nachfolger "Hamburg Demonstrations" (2016) liegt mit "Pete Doherty & The Puta Madres" nun also das erste Album mit dem gleichnamigen aktuellen Bandprojekt vor, das sich am 20. Mai - so Gott will - auch im Wiener WUK präsentieren wird.