Exquisiter Crooner: Ezra Koenig von Vampire Weekend. - © Monika Mogi
Exquisiter Crooner: Ezra Koenig von Vampire Weekend. - © Monika Mogi

Vampire Weekend sind nicht nur eine schlaue Band, sondern sie haben offensichtlich auch gescheite, mit mentaler Offenheit und einer gewissen Leidensfähigkeit gleichermaßen geadelte Fans. Wie sonst ist es zu erklären, dass ihr letztes Album, "Modern Vampires Of The City" von 2013, seinem Vorgänger "Contra" (2010) schnurstracks auf Platz 1 der Billboard Charts folgte, obwohl es sich teilweise ziemlich weit aus dem Strudel aus afrikanischem Gitarren-Drive, karibischer Polyrhythmik und nassforschem Elite-Studenten-Pop entfernte, der Vampire Weekend Ende der Nullerjahre schlagartig zu einer Marke in der Masse populärmusikalischer Beliebigkeit gemacht hatte? Und wer sonst wartet sechs Jahre auf neues Material und nimmt als Entschädigung dafür ein Doppelalbum in Kauf?

Natürlich waren Vampire Weekend, insbesondere ihr Leader und Haupt-Songschreiber Ezra Koenig, über all die Jahre nicht untätig gewesen: So beteiligte sich der Sänger und Gitarrist an Produktion und Songwriting bei Beyoncés Hit "Hold Up", kreierte für Netflix die Animeserie "Neo Yokio" und hob seine Radio-Talk-Show "Time Crisis" aus der Taufe. Dazu gab es einen vermeintlich dramatischen Verlust zu verkraften, als Produzent und Multiinstrumentalist Rostam Batminglij seine Demission bekannt gab. Nichtsdestotrotz ist Batmanglij Co-Produzent der Ballade "Harmony Hall", die dem Album als erste Single-Veröffentlichungen vorausgeeilt ist.

"Harmony Hall" - das in textlicher Interaktion mit "Finger Back" vom 2013er-Album möglicherweise vom Wiederaufflammen faschistoider Ideologien handelt - ist wiederum in seiner gravitätischen Schwere einer der nachdrücklichsten Belege, wie weit sich Vampire Weekend und insbesondere der zum exquisiten Crooner avancierte Koenig von jener etwas atemlosen Hektik entfernt haben, die einst Songs wie "Oxford Comma" oder "Mansard Roof" antrieb. In weniger als einer Handvoll von insgesamt 18 Stücken klingen auf "Father Of The Bride" noch die "alten" Vampire Weekend durch.

Stattdessen wird mit einem opulenten Stilmix aufgefahren, der - wahrscheinlich ist das ein primitiver Instinkt - zuallererst Argwohn erzeugt: Hier will uns ein Typ, den man im Englischen mit dem Wort Smartass bezeichnen würde, reindrücken, was er drauf hat, nämlich alles. Darunter auch einiges, das seine eigenen Kreationen torpediert. Das fängt an beim Opener "Hold You Now", einem von drei Stücken, in denen Koenig sich gesanglich mit Danielle Haim von der Indie-Band Haim duettiert: In eine eigentlich schöne akustische Folk-Ballade über einen Vater, der seine Tochter und offensichtlich auch einige dunkle Geheimnisse vor den Traualtar führt, fährt ehrfurchtsheischend, aber reichlich unstimmig ein Sample eines melanesischen Chors, den der deutsche Filmkomponist Hans Zimmer für den Soundtrack von Terrence Malicks Antikriegsfilm "Der schmale Grat" verwendet hat. Warum "Unbearably White" so monoton dahergeleiert wird und warum Gastgitarrist Steve Lacy vor "Sympathy" deklarieren muss, er glaube, er nehme sich zu ernst, darf uns als Rätsel ewig uninteressant bleiben.

Eine Herausforderung

Demgegenüber wartet die Platte mit unerwarteten Entdeckungen an entlegenen Ecken auf. Der wabernde Background-Chor und das ausgefeilte Spiel mit wechselnden Intensitäten in "This Life". Der insistente Loop um den Refrain in "How Long". Wie in "Big Blue" Niedergeschlagenheit in feierliches Pathos übergeht. Wie in "Flower Moon" so unscheinbar wie raffiniert ein Keyboard-Motiv eingeschleust wird, das glatt an Totos "Africa" erinnert.

Dazu gibt es ein paar unstrittig hinreißende Songs wie das in blaues Piano-Jazz-Bar-Feeling getränkte "My Mistake" oder "Married In A Gold Rush", ein weiteres, im Country-Outfit ausstaffiertes Haim-Koenig-Duett, in dem Ehepartner die Wunden ihrer Enttäuschungen lecken. Begleitet wird das alles von einem Sperrfeuer an Killer-Textzeilen wie "Baby, I know hate is always waiting at the gate /I just thought we locked the gate when we left in the morning", oder "Ten million dollars could win the whole lot / but if ten million dollars is all that you got / you won’t be the one" und mehr.

Ja, diese Platte ist wahrscheinlich erst mit dem Abstand eines guten Jahres angemessen zu beurteilen. Eine Herausforderung eigener Art.