Erstmals live mit Band: Giorgio Moroder. - © Anna Maria Zunino Noellert
Erstmals live mit Band: Giorgio Moroder. - © Anna Maria Zunino Noellert

Im Gegensatz zum Otto-Normal-Verbraucher, der die Auswirkungen einer gewissen technischen Generalentwicklung erst seit ein paar Jahren so richtig spüren dürfte (Vorsicht, das Beste kommt noch!), kann die IG Popmusik bereits seit Jahrzehnten ein Lied über Schlagworte wie Digitalisierung und Robotisierung singen.

Spätestens seit der Erfindung und dem verstärkten Einsatz des Synthesizers oder auch dem Auftauchen von DJs in Diskotheken bestand vor allem für den Systemdinosaurier Rockband ja die erhöhte Gefahr, vom sogenannten Zeitgeist und dem Wind der Veränderung schlicht weggeblasen zu werden.

Nackte Tatsachen

Apropos wegblasen: Wahrscheinlich war auch ein Kofferraum voller Drogen dafür verantwortlich, dass den Protagonisten diese Gefahr entweder überhaupt nicht bewusst oder im Grunde völlig egal war. Mit richtig gutem Zeug ist entweder a) sowieso alles nur geil, b) schon bald alles vorbei oder c) das eigene Ego mindestens zwölf Meter groß. Vor allem Letzteres führt mitunter bis heute noch zur Erkenntnis, dass Gehirnchirurgen oder Sozialarbeiter ja einer ehrenwerten Tätigkeit nachgehen mögen oder Krawattenträger bitte schön im Büro sitzen sollen, wenn sie denn unbedingt wollen, die Welt ohne Rockstars wie zum Beispiel uns vier lässige Haberer aber definitiv verloren wäre. Ist so.

Von Düsseldorf aus entwarf ein musikalischer Fahrradfanatikerclub namens Kraftwerk das Gegenkonzept, Stichwort "Wir sind die Roboter". Und auch der am 26. April des Jahres 1940 in St. Ulrich in Gröden als Hansjörg Moroder geborene Musiker Giorgio Moroder war nach seiner Flucht aus Südtirol hinaus in die weite Welt zunächst von Aachen und bald von München aus gut mit dabei, wenn es darum ging, die musikalische Zukunft in das damalige Heute zu bringen.

Noch vor seinem programmatisch betitelten Projekt Munich Machine und nach Anfängen im Bubblegum-Pop mit Beach-Boys-Paraphrase ("Looky Looky") geschah das überwiegend zwar auch mit dem Synthesizer - und unter besonderer Berücksichtigung von repetitiven Arpeggios und markant-maschinellen Loops. Im Gegensatz zu den Kollegen von Kraftwerk aber ging es bei Giorgio Moroder durchaus menschlich zu. Statt Roboter-Aufzug sah man nicht nur ein mit Sonnenbrille und seinerzeit auch in der Erwachsenenfilmbranche schwer angesagtem Schnauzbart ikonografisch inszeniertes Gesicht. Man sah auf dem Albumcover des Projekts Spinach gemeinsam mit Michael Holm etwa auch eine den Protagonisten zu Füßen liegende nackte Frau, wie das heute aus Gründen der politischen Korrektheit definitiv gar nicht mehr ginge.

Das Wichtigste aber: Im Protosound gemeinsam mit Donna Summer aufgenommene frühe Welthits der synthetischen Discomusik wie das knapp siebzehnminütige "Love To Love You Baby" (1975) oder "I Feel Love" (1977) kamen als vertonter Geschlechtsakt samt Stöhngeräusch oder jedenfalls sehr sexuell daher.

Comeback mit "bumm"

Giorgio Moroder gründete seine Musicland Studios, in denen sich Kaliber wie Elton John, Led Zeppelin, die Rolling Stones oder Queen einmieteten und trug sich mit Produktions- und Schreibarbeiten für David Bowie ("Cat People - Putting Out Fire") oder Blondie ("Call Me") in die Popgeschichte ein. Gleichfalls auf der Habenseite stehen Formatradio-Dauerbrenner wie "Hot Stuff" (Donna Summer), "Take My Breath Away" (Berlin) oder "Flashdance . . . What A Feeling" sowie drei Oscar- und je vier Golden-Globe- und Grammy-Awards.

Aus einer 1992 begonnenen Auszeit zugunsten der schönen Seiten des Lebens (und etwas Seniorengolf) wurde Giorgio Moroder mit einem Gastauftritt als Elder Statesman auf dem Daft-Punk-Album "Random Access Memories" im Jahr 2013 geholt. Er begann erneut Blut zu lecken, tourte als DJ um die Welt und veröffentlichte 2015 das Comeback-Album "Déjà Vu" mit Sängerinnen wie Kylie Minogue, Britney Spears, Charli XCX oder Sia: Altes Herz macht wieder "bumm".

Aktuell ist der mittlerweile 79-Jährige erneut unterwegs. Am kommenden Dienstag gastiert er im Wiener Gasometer, erstmals in seiner Karriere mit einer Live-Show. Ein Treppenwitz der Geschichte: Bands sind nach wie vor nicht wegrobotisiert.