Der 29-jährige Szenegänger arbeitet als Barkeeper im Abraham Hostel. Die kultige Jugendherberge bietet unzählige Freizeit-Aktivitäten an - Hummus-Kochkurse, Yoga, Stadtführungen. Man kann hier sogar Hebräisch lernen. Was jedoch besonders gut läuft - das Nightlife-Programm. Abwechselnd ziehen Lil’Ad und seinen Kollegen der Hostel Bar-Lounge mit den Gästen um die Häuser. Meistens chillen die Gäste hier in Hängematten und auf kunterbunten Sitzkissen, bevor es in die Clubs und Bars am nahen Rothschild Boulevard geht. Als Erstes führt Lil’Ad die Gäste ins Kuli Alma, ein irrer Mix aus Dancefloor, Biergarten, Designshop, Bar, Galerie und Kino auf mehreren Etagen. Fünf Gehminuten weiter lockt das Radio E.P.G.B. Jeden Tag werden hier zu anderen Rhythmen schmackhafte Longdrinks geschlürft. In der Hoodna-Bar im benachbarten Hipster-Viertel Florentin hört man israelischen Bands zu. Um die Ecke das Teder.fm. Der düstere Innenhof des gleichnamigen Radiosenders ist mit seinen verschiedenen Bars, Restaurants, Platten- und Klamottenläden derzeit der angesagteste In-Treff überhaupt in der Stadt.

Der ultimative Kult-Club für Techno- und House-Fans ist und bleibt The Block im Zentralen Busbahnhof. Getanzt wird auf drei Ebenen. Voll wird es erst ab ein Uhr morgens. Gefeiert wird bis acht Uhr Früh. Im Lima Lima Club sind die ganze Woche wilde ESC-Party angesagt, bei denen Eurovisions-Songs aus allen Jahren gespielt werden. Natürlich auch Nettas schriller Hip-Hop Gangnam-Style "Toy"-Song vom letzten Jahr, dessen Hühnergegacker unter den ESC-Nerds bereits Kult ist.

Das Partyvolk kommt aus der ganzen Welt, um das berühmt-berüchtigte Nachtleben Tel Avivs kennenzulernen. Sperrstunde gibt es nicht. "Ein israelisches Sprichwort sagt: In Haifa wird gearbeitet, in Jerusalem gebetet und in Tel Aviv gefeiert", lacht Lil’Ad. Alleine rund um den Rothschild Boulevard gibt es bis zu 40 Clubs, Kult-Bars und Diskotheken. Doch vor allem wird es zur Eurovision an den 14 Kilometer langen Stadtstränden abgehen.

"Tel Aviv wird eine Woche lang zur größten Beachparty der Welt", verspricht Gideon Schmerling, Sprecher der Stadtregierung und Eurovisions-Projektleiter. Zentrum der Beachparty ist die Eurovision-Village am südlichen Stadtstrand auf den Grünflächen des Charles Clore Parks. 60 Street Food Trucks bieten hier exotische israelische Gourmetküche zu bezahlbaren Preisen an. Auf riesigen Leinwänden können bis zu 50.000 Besucher bei Sundownern und Meerblick den ESC-Wettbewerb verfolgen.

Davor und danach treten internationale DJs und Bands auf den drei Bühnen auf. Mit dabei sind frühere ESC-Gewinner, wie Conchita Wurst und die Israelin Dana International. Schon seit dem Wochenende mischt sich das Partyvolk hier unter Surfer und muskelbepackte Strandjogger. Besonders wild geht es am nördlichen Hilton-Strand ab, wo sich traditionell die ESC-begeisterte Schwulen-Community trifft.

Gesangswettbewerb als Brücke zwischen Kulturen

Für Paenda ist die Eurovision aber mehr als nur ein Gesangswettbewerb oder eine Party. Der Song Contest baue Brücken, die unterschiedliche Kulturen und Religionen zumindest für eine Weile verbinden, meint die Österreicherin. Doch in Israel trat bisher das Gegenteil ein. Tel Aviv, die weltoffene Party-Hauptstadt des Nahen Ostens, mag mit ihren kilometerlangen Stränden, dem warmen Mittelmeerklima und einem unglaublichen Nachtleben vielleicht der perfekte Austragungsort für den Song Contest sein. Doch Israel als Land ist es nicht. Und so wurde die Eurovision bereits zum Politikum.

Direkt nach Nettas Sieg im vergangenen Jahr ging der Streit los. Israels Kulturministerin Miri Regey kündigte hastig an, der Song Contest werde 2019 natürlich in Jerusalem stattfinden. Damit wollte die Regierung von Ministerpräsident Netanjahu Jerusalems umstrittenen Status als alleinige Hauptstadt untermauern, der auch von den Palästinensern beansprucht wird.

Auf Druck der Europäischen Rundfunkunion, welche die Eurovision ausrichtet, ruderte die israelische Regierung zurück. Doch nun wollen Hamas und Islamisten die internationale Aufmerksamkeit für den Musikevent nutzen. 25 Menschen kamen vergangene Wochen bei Kämpfen und Raketenangriffen ums Leben. Beide Seiten einigten sich kurz vor Beginn der Eurovision auf einen Waffenstillstand. Wird er halten?

Bisher scheint der Song Contest tatsächlich nur "Brücken" zwischen zwei verfeindeten Gruppen geschlagen zu haben. Israels ultraorthodoxen Juden und den strenggläubigen Muslimen ist der liberale Musikevent ein Dorn im Auge.