Zum Einstieg täuscht das Gefühl des Nachhausekommens durchaus nicht. Es muss sich zwangsläufig um die US-Band The National handeln, wenn sich zu nachdenklichem Knödelgesang irgendwo zwischen einem Standgas gebenden Schlagzeug, introspektiven Klavierakkorden und dem von den Gitarren vermittelten dringenden Verlangen nach einer Flasche Rotwein sofort ein Gemütszustand einstellt, den man auch vom Betrachten der Gemälde von Caspar David Friedrich kennt und schätzt.

Es geht außer um eine ausgewachsene Sonntagsdepression, etwas Katerstimmung oder reinen Zwangspessimismus immer auch um den guten alten und gerne grundlosen Weltschmerz. In den kann man zum Wetter der letzten Tage passend übrigens buchstäblich eintauchen, weil er als Badesalz mit dem Namen "Melancholia dolorosa" (kein Scherz!) im Fachhandel erhältlich ist.

Wir kommen also nach Hause, aber: Problem! Dort zwischen Zimmer, Kuchl und Kabinett ist niemand mehr, der auf uns wartet. Sänger Matt Berninger und seine Frau Carin Besser haben mit ihren Songtexten zum Vorgängeralbum "Sleep Well Beast" von 2017 das Thema Trennungen ins Auge gefasst. Interessant an dieser Arbeitsmethode vor allem das fiktionale Element. Immerhin gab das Ehepaar an, selbst eine glückliche Beziehung zu führen, was eine Art Kampfmaßnahme gegen das laut Statistik sehr wahrscheinlich noch Kommende als Motivationsgrund der doch eher ernüchternden Kreativarbeit vermuten lässt. Auseinandergehen ist schwer, The National aber ging zumindest die künstlerische Annäherung scheinbar leicht von der Hand.

Das nun erscheinende "I Am Easy To Find" nimmt den Faden zunächst mit übrig gebliebenem und überarbeitetem Material aus den damaligen Sessions auf und kommt gleich einmal mit lebensnahen Eröffnungszeilen wie "I used to fall asleep to you talking to me / I don’t listen to anything now" oder "You had your soul with you / I was in no mood" daher.

Matt Berninger klagt und oh-weht: "You have no idea how hard I died when you left." Und er fleht und bangt in den dazwischen gereichten Songs, in denen noch etwas Hoffnung besteht: "You don’t walk away, don’t you? I still got my fear . . ."

Im Vorjahr beim Konzert von The National in Linz sah der Sänger doch etwas müde aus. Anstatt einer anvisierten Pause im Anschluss hat die Band allerdings rasch ein 63-minütiges Opus magnum finalisiert. Zur Bewerbung ist derzeit auf YouTube ein 24-minütiger Kurzfilm des US-Regisseurs Mike Mills zu sehen, der über eine Coming-of-Age- und Von-der-Wiege-bis-zur-Bahre-Geschichte mit Alicia Vikander in der weiblichen Hauptrolle einen zweiten Erzählstrang aufmacht, im Gegensatz zur Musik zwischen Drama, Baby, Drama und hohlem Pathos aber sehr, sehr holzschnitthaft bleibt.

The National selbst erweitern ihren vertrauten, in diversen Grautönen abgestuften Grundentwurf diesmal um verstärkten Streichereinsatz und die Beigabe friedlich anmutender, restsakraler Chorgesänge. Außerdem nimmt sich Matt Berninger zugunsten einer Reihe von Gastsängerinnen um Gail Ann Dorsey (David Bowie!), Lisa Hannigan oder Sharon Van Etten verhältnismäßig zurück.

Einen inhaltlichen und stilistischen Ausreißer gibt es diesmal mit "Not In Kansas". Es geht unter besonderer Berücksichtigung der Alt-Right-Bewegung um die Dummheit der Menschheit. Weltschmerz ist oft, aber nicht immer grundlos.