Das Album beginnt standesgemäß für Brad Mehldau: Klaviernoten perlen auf einer eleganten Akkordbahn dahin, die rechte Hand setzt eine singende Melodie darüber. Doch der US-Jazzpianist hat diesmal mehr im Sinn, und das zieht massive Klänge nach sich. Menschliche Stimmen übernehmen die Akkordtöne und vermitteln oratorische Größe, ein Schlagzeug braust jäh los, eine Trompete schreit dagegen an, die Gesänge schrauben sich höher: ein Crescendo auf dem Weg zur Verzückung.

Mehldau hat in den Vorjahren die Bibel gelesen, vor allem die Gestalten des Alten Testaments treiben ihn um: Zitate von Kohelet, Hosea, Hiob sind den Instrumentalstücken vorangestellt und geraten in Kontakt mit der Gegenwart. Ein Prophetenspruch wird auf das Amerika Donald Trumps gemünzt: Im Hintergrund schreien Stimmen eine Mauer herbei, die Musik schildert ein Land der "Rottengeister". Dieses Album kann sich aber auch in eine religiöse Ekstase versetzen, und das tut es mit gewaltigem Einsatz: Trompete, Saxofon, Synthesizer, Klavier, Schlagzeug, Streichtrio und Chor sprechen im Laufe einer Stunde mit unterschiedlichen Zungen, lassen Jazzpop ebenso anklingen wie Kammermusik, Elektronik, Pink-Floyd-Sphären und Béla-Bartók-Anleihen. Divergente Mittel, doch verschmolzen durch Mehldaus Personalstil und einen unwiderstehlichen Drang ins Metaphysische.