Die alarmierende Melodica und die Melodie schicken einen zurück ins Jahr 2000: Als eine Liverpooler Band namens Clinic mit dem Album "Internal Wrangler" und Reißern wie "The Return Of Evil Bill" die Idee von Punk als schneller, im positiven Sinne primitiver Musik auf das Level ihrer Zeit brachte.

Noch immer lassen sich die Akteure nicht ohne chirurgischen Mundschutz in der Öffentlichkeit sehen. Und auch wenn dezente Schwimmreifen unter den eigentümlichen, wie Schutzkleidung aussehenden Einheitsdressen, die sie auf den aktuellen Pressefotos anhaben, verraten, dass mittlerweile viel Wasser den Mersey runtergeflossen ist, macht das neue Album "Wheeltappers And Shunters" fast genauso viel Freude wie seinerzeit das Debüt. Davon lebt nicht nur der Opener "Laughing Cavalier" gut.

Nicht dass Clinic simpel die Vergangenheit reproduzierten: Die Musik driftet heute mehr in Richtung Psychedelia, weist stärkere Akzent- und Intensitätsverschiebungen auf, die Gitarren sind viel differenzierter eingesetzt und die einstmals recht hohe Stimme von Ade Blackburn, der mit Gitarrist Jonathan Hartley die musikalische Richtung der Band bestimmt, ist tiefer geworden. Jeder Song ist bepackt mit mehreren Schichten, die sich erst nach und nach enthüllen: Donnern im Hintergrund, Blubbern, atmosphärisches Flimmern, Echos, hier das kurze Aufblitzen eines Cembalos, da ein leichtes Saxofon, Getrommel, das wie Schläge gegen Türen klingt, Stimmen, Konversationsfetzen, Gelächter.

"The Wheeltappers and Shunters Social Club" war der Name einer proletarischen britischen TV-Variety-Show der 70er Jahre, die in einem fiktiven nordenglischen Arbeiter-Klub spielte. Diese Kultur und Ära haben Blackburn und Hartley gewissermaßen aus dem Museum geholt und mit Jahrmarktatmosphäre vitalisiert. Eine Idylle ist das natürlich nicht: So wie die grundsätzlich recht schönen Songs immer wieder von Dissonanzen und Störgeräuschen aufgeschreckt werden, schimmert Sarkasmus durch die an sich kryptischen Texte. "Neanderthal, Neanderthal!", heißt es an einer Stelle.