Allerweltsrock, aber solide: AnnenMayKantereit. - © Martin Lamberty
Allerweltsrock, aber solide: AnnenMayKantereit. - © Martin Lamberty

"Dass sie den Rock-’n’-Roll-Lifestyle von Wanda doof finden, zeigt, was für ein sich nur mit Erste-Welt-Problemen beschäftigender Haufen Eskapismus-Spießer die sind. Habe aber vollstes Verständnis dafür, dass man nach derart vernichtenden Albumkritiken, wie AMK sie bekommen haben, mal Dampf ablassen muss. Trotzdem weiterhin viel Erfolg, vielleicht wird’s ja schon bald was mit der Altbauwohnung."

Das Zitat stammt von Wanda-Entdecker Stefan Redelsteiner und bezieht sich, am Ende auf einen ihrer Songs anspielend, auf die Kölner Band AnnenMayKantereit. Um die triviale Geschichte drumherum zu erklären, muss man ziemlich weit ausholen: Im "Fragenhagel" des WDR-Radiosenders 1Live - einer Art Word-Rap - hatte Henning May, Sänger, Texter und Pianist von AnnenMayKantereit, auf die Frage, welche Band er sofort auflösen würde, "Wanda!" geantwortet.

Verrisse und Beef

Wenig später sagte Gitarrist Christopher Annen, angesprochen auf den vergleichsweise zahmen Lebensstil der AMK-Akteure, dem Online-Magazin "zeitjung.de", er "finde Wandas Attitüde mit dem Besaufen und dem Klischee-Rockstarleben nervig". Stefan Redelsteiner verstand die Botschaft - oder kriegte sie in die falsche Kehle, je nach Dafürhalten -, replizierte im "Musikexpress" obiges Zitat, und fertig war der schönste Beef, den es im Pop hierzulanden seit ewig und drei Tagen gegeben hat.

In der Diktion passte Redelsteiners Verdikt "Eskapismus-Spießer" perfekt zu aller Schelte, die sich schon über das Quartett ergossen hatte. Denn in einem hatte Redelsteiner unbestreitbar recht: Mit ihrem Album "Alles nix Konkretes" vom Frühjahr 2016 hatten AnnenMayKantereit Waggonladungen gnadenloser Verrisse eingefahren. So etwa diesen im "Spiegel": "Das ist auch der Soundtrack für den inneren Spießer, der, wenn die Welt schon um ihn herum aus den Fugen gerät, sich wenigstens in vertrauten Befindlichkeiten wiederfinden möchte." Eines der noch freundlicheren Bonmots in der Rezension in der "Zeit" lautete: "Sie bezeugen, dass es überhaupt kein Problem ist, wenn man nichts zu sagen hat, solange man es ernst meint."

Die Band, deren musikalische Sozialisation in der Kölner Fußgängerzone stattgefunden und die nicht zuletzt über eine ausgeklügelte Internet-Präsenz eine verschworene Fan-Base aufgebaut hatte, zeigte sich (nach außen jedenfalls) von all dem Geifer unbeeindruckt - und "Alles nix Konkretes" schoss in Deutschland wie in Österreich an die Spitze der LP-Charts. Und übrigens ist es nicht verboten, hier auch einmal über Kritiker nachzudenken. Was wollen die eigentlich?

Dass Inhalte von Anfang-Zwanzigjährigen von Eltern, Orts- und Wohnungswechseln, Beziehungen und Sex handeln, gibt nichts anderes als genau deren Lebenswelt wieder. Die haben andere Sorgen als groß die Politik zu kommentieren. Bei May kommt dazu ein reizvolles Irritationsmoment ins Spiel, indem seine rau-verlebte Stimme einen gewissen Alterstwist in seine "jungen" Geschichten einbringt. Vor allem ist hervorzuheben, dass May das Handwerk der Sprache durchaus sehr ordentlich beherrscht.

Rückstrahleffekte

Kaum eine Stelle, wo ihm das Wording einmal entgleist. Stattdessen sogar kleine Geistesblitze wie "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besserwisserisch" oder "morgen ist München und irgendwann ist auch wieder zu Hause" über das Tourleben. Eine gewisse Sprödigkeit bewahrt die Texte vor dem Abgleiten an jene Ränder von Gefühligkeit, wo sich Schmalz ablagert. Die Musik ist fraglos nicht mehr als - vereinzelt um ein bisschen Trompete und Posaune erweiterter - Allerweltsrock, aber solide und souverän in Szene gesetzt.

Die Unbeirrbarkeit, mit der Annen, May, Severin Kantereit (Schlagzeug) und Bassist Malte Huck (der zu spät dazustieß, um noch im Bandnamen Aufnahme zu finden) zu Werke gehen, scheint - einer reflektierenden Wand gleich - mittlerweile Rückstrahleffekte gezeitigt zu haben. Denn bei ihrem zweiten, Ende 2018 erschienenen, um ein paar Reifegrade in Form zusätzlicher Jahre Lebensweisheit avancierten Album "Schlagschatten" (Vertigo/Universal) hat die vordem so (doppeldeutig) schlagfertige Kritik schon ziemlich zurückgerudert (gerade auch "Der Spiegel"). Kein Zweifel: Diese Band, die vom 23. bis 25. Mai an drei ausverkauften Abenden hintereinander die Open-Air-Bühne der Arena bespielen wird, ist hier, um zu bleiben.