Es zeigt sich dann doch relativ schnell, dass es so ist, wie man es schon einmal gewusst hat - und in sage und schreibe zehn Jahren Veröffentlichungspause erst wieder vergessen oder verdrängen musste: Sich durch so ein ganzes Album von Rammstein zu hören ist irgendwo zwischen keinen oder schlechten oder immer den gleichen Ideen, der wohlbekannten Triebtäterlyrik von Sänger Till Lindemann mit gerolltem "Rrrr" und dem Deklamationsgebell des Führers (nur stimmlich tiefer) auch deshalb so zäh wie Leder, weil diese Band erst live oder in den Musikvideos ganz bei sich selbst ankommt.

Hallo, es geht bei Rammstein im Allgemeinen weniger um Musik und vielmehr darum, einer Inszenierung im Grenzbereich aus Reichsparteitag und Freakshow beizuwohnen, die ungefähr so spektakulär ist wie ein mehrere 3er-BMW inkludierender Megaverkehrsunfall in "Alarm für Cobra 11". Der Sänger ist ein etwas außer Form geratener Hulk aus der Gewichtheber-Szene, der "Bück döch!" schreit, Mickey-Mouse-Lippenstift und Gasmaske trägt und in seinem Asbestmantel vor Konzertbesuchern nur darauf wartet, angezündet zu werden. Außerdem sind gerne Uniformen im Spiel, wie sie einem feuchten Traum aus dem Pinsel von Odin Wiesinger entsprungen sein könnten.

Apropos feuchter Traum: Sex ist auch so ein Riesenthema. Es kommt unter besonderer Berücksichtigung von Fetischen, Abgründen und einer Extraportion "Leider geil" daher und inkludiert im Extremfall Gastauftritte aus dem Cast des Fall F oder des Kannibalen von Rotenburg. Unterdrückungsfantasien, Schlagmichtot, Natursekt und Schändung: Damit sind Rammstein seit mittlerweile einem Vierteljahrhundert auf eine Art und Weise erfolgreich, die nicht nur den erwähnten langen Zeitraum ohne neue Musik mitermöglicht hat. Auch wurde die erste Stadiontour der Bandgeschichte zuletzt binnen vier Stunden quasi als Katze im Sack ausverkauft, wenn man davon absieht, dass es natürlich wieder ein als Horrorshow angelegtes Best-of-Programm mit einer Handvoll neuen Songs - und sehr viel Pyrotechnik - werden wird. Das erst später gereichte Skandalmoment mit Rammstein als inszenierte KZ-Insassen in einem Video-Teaser hätte es also auch aus vorverkaufsbegünstigenden Gründen überhaupt nicht gebraucht.

Spechteln und sabbern

Die dazugehörige Auftaktsingle "Deutschland" hat mit Textzeilen wie "Man kann dich lieben / und will dich hassen" zwar weitgehend die von der Laufkundschaft gehegten Befürchtungen in puncto Heimattümelei oder total-totalitäre Provokation zerstreut, wenngleich gemischte Gefühle insofern ruhig weiter bestehen dürfen, als schon bald ganze Fußballstadien an Fans im Gleichlaut Sätze wie "Deutschland, Deutschland über allen!" anstimmen werden.

Im Großen und Ganzen führt das Coversujet des nun also vorliegenden, titellosen neuen Rammstein-Albums - ein Streichholz - allerdings auf die falsche Spur. Gezündelt wird abseits des Üblichen relativ wenig. Das Übliche inkludiert die weltliche Kinderverzahrerhymne "Hallomann" und ihren katholischen Remix "Zeig dich" ("Als Versehen sich an Kindern vergehen / Verbreiten und vermehren / Im Namen des Herren") sowie das Verbrechen, mit billigen Abzählreimen im Stile der EAV ("Zeig mir deins / Ich zeig dir meins") davon abzulenken, dass es ausnahmsweise einmal nicht um Sex geht, sondern um Tätowierungen ("Tattoo").

In Stücken wie "Diamant" und "Weit weg" wird gehörig gespechtelt und geil gesabbert. Ist das Kruppstahl in deiner Hose oder freust du dich nur, mich zu sehen? Vorsicht, Überraschung, im Stück "Sex" geht es wieder um Sex: "Komm mit mir / Denn besser widerlich als wieder nicht / Wir leben nur einmal / Wir lieben das Leben / SEX!" Außerdem werden in "Puppe" Prostitution und Totschlag und bei "Was ich liebe" der gute alte Lustmord verhandelt. Und man bekommt im Video zur gleichnamigen zweiten Single den "Radio" als Masturbationsapparat angedreht.

Anders als angenommen wird ein aufgelegter Elfmeter leider verspielt: Ein Song mit dem vielversprechenden Titel "Ausländer" widmet sich nicht dem Testosteron-Afghanen beim Aufreißen germanischer Jungfrauen im finsteren deutschen Wald. Adressiert werden lediglich der dahergelaufene Amore-Motore-Italiener und seine Cannelloni und der Lustfranzose mit seinem harten Baguette. Abermals klingen Rammstein verdächtig nach EAV: "Ich bin Ausländer / Mi amore, mon chéri / Ausländer / Ciao, ragazza, take a chance on me."

Das mag Altersmilde oder Abnützung sein. Künstlerisch jedenfalls ist es gar nicht soo geil.