Es dauert gefühltermaßen zwar nicht ganz so lang, wie wenn man das halbe Wochenende über auf ein Statement des Bundeskanzlers zur Causa prima der Republik warten muss, bereits sehr neugierig und außerdem von der Echtzeit-Ausrichtung unserer schönen Hektomatikwelt entsprechend aufgezwirbelt ist.

Allerdings wird man sich trotzdem zwei- oder dreimal bei der Frage erwischen, ob es nicht doch besser wäre, langsam nach Hause zu gehen - weil Pete Doherty am Montagabend bereits nach einer knappen Konzertdreiviertelstunde die Bühne verlässt und im restlos ausverkauften WUK nicht und nicht wiederkommt. Auch hinten am Mischpult wird jetzt gelangweilt im Internet gesurft, verlegen auf die Uhr geschaut, eine WhatsApp-Nachricht an die Mutter geschickt und beschlossen, dass es ein guter Zeitpunkt für das nächste Bier sein könnte.

Pete Doherty, hier bei einem Auftritt in London. - © Ollie Millington/ Redferns
Pete Doherty, hier bei einem Auftritt in London. - © Ollie Millington/ Redferns

Die letztlich fünfzehnminütige Pause sei dem immerhin auch schon 40-jährigen Musiker, der wegen der Sache mit dem Verschwenden der Jugend auch exakt keinen Tag jünger aussieht, aber am Ende ebenso vergönnt wie uns selbst. Immerhin wird der Zugabenteil wegen der einen oder anderen ausufernden Instrumentalpassage mit Bubendummheiten in Sachen Gitarrengebrauch außer verhältnismäßig lang vor allem noch eher länglich werden. Du meine Güte, wann hat das eigentlich angefangen, das sich jetzt auch schon der Rock ’n’ Roll so dermaßen zieht wie die Aufzeichnung einer Schachpartie aus den 70er Jahren spätnachts auf einem dritten Kanal im deutschen Fernsehen?

Begonnen hat das Konzert übrigens mit einer Verspätung von gerade einmal zehn Minuten, was es früher in dieser Form definitiv nicht gegeben hätte. Damals in den wilden Jahren des Rockens, Rollens und Strawanzens, bis die Rettung kommt, wurden Konzerte im Regelfall überhaupt nicht begonnen. Hätte man im Leben tatsächlich etwas hackeln wollen, wäre ein Job in einer Bank zwar auch keine Lösung gewesen, aber lasst uns jetzt bitte nicht über Fremdwörter wie "Leistung", "Motivation" oder "Disziplin" diskutieren.

Schludrigkeit

Pete Doherty startet Konzerte mit seinen vor allem vom Namen her wilden Puta Madres als aktuelle Begleitband derzeit ohne den Wumms von einst und ohnehin lieber mit gemächlich-introspektiv bis verschlurften Stücken wie "All At Sea", die weniger die nautische Schlagseite des heutigen Küstenbewohners adressieren als vielmehr den übersetzten Zustand, buchstäblich durch den Wind zu sein.

Der dürfte zum Folk- und Pubrock-Anteil der aktuellen Songs, deren Schludrigkeit auch eine teils aus der Fußgängerzone zusammengeklaubte Band sicherstellt, aber zumindest in Relation bereits in der Retrospektive besungen werden. Der mit drei Outfits zwischen einem Sakko aus dem Humana-Container, der Punkrockvariante des Unterhemds von Edmund "Mundl" Sackbauer sowie einmal Oben ohne angereiste Sänger ist jedenfalls wieder so weit in Form, dass sich ein zumindest vom Fanclub akklamierter Abend mit einer Netto-Spielzeit von 85 Minuten ausgehen wird. Neben der selbstreferenziellen Nabelschau von Songs wie "A Fool There Was" ist dabei heute auch der gespielte Witz eines semiironisch eingebauten Oasis-Zitats erlaubt: "Please don’t put your life in the hands / Of a Rock ’n’ Roll band / Who’ll throw it all away."

Die einstige Zukunft der Rock-Vergangenheit hat sich natürlich längst überholt. Pete Doherty hat es überlebt. Stellenweise war das Konzert gar nicht so uncharmant. Die "ZIB 2" wäre aber definitiv spannender gewesen.