Musikalische Gegenwartsdiagnose: Andreas Spechtl. - © Max Zerrahn
Musikalische Gegenwartsdiagnose: Andreas Spechtl. - © Max Zerrahn

Es ist ein erstaunlicher, eigensinniger Weg, den Andreas Spechtl gegangen ist, seit im Jänner 2014 mit "Libertatia" das vorerst und vielleicht für immer letzte Album von Ja, Panik veröffentlicht wurde. Das bisher letzte Werk der Gruppe aber ist der Briefroman "Futur II", der 2016 im Berliner Verbrecher Verlag erschien. Der Band wurde als gegenseitiger E-Mail-Verkehr quasi gemeinschaftlich geschrieben, ist also ein kollektives Werk, womit sich das Buch markant von den vielen Musikerromanen unterscheidet, die in letzter Zeit erschienen sind.

Spechtls erstes Solowerk, erschienen 2015 unter dem Projektnamen Sleep, war eine Übergangsplatte, deren stilistisch teils noch nah am Sound von Ja, Panik orientierte Stücke unterwegs, auf Reisen geschrieben wurden. Sie greifen das Gefühl auf, anderweitig, auswärts zu sein, in einem heimatlosen Unbestimmtheitszustand zwischen vertraut und fremd, frei und haltlos zugleich.

Das erste Soloalbum unter eigenem Namen, "Thinking About Tomorrow, And How To Build It", folgte Ende 2017 und entstand großteils im Iran, wo sich Spechtl dank eines Stipendiums mehrere Monate lang aufhielt. Es war ein ausgeprägt instrumentales, schwer festlegbares Album, das in Soundbereiche wie Krautrock, Ambient, Electronica und noch mehr ausgriff. Eine musikalische Expedition in eine mögliche Zukunft der Musik, die ihm sehr zurecht großes Lob unter den Kritikern einbrachte.

Bemerkenswert ist auch Spechtls nun vorliegende neue, in Mexiko entstandene Platte, "Strategies". Weniger Introspektion und abstraktes Zukunftsdenken sind deren Thema, nun geht es eher um Strategien, sich aus unserer vermaledeiten Gegenwart in eine bessere Zukunft zu befreien. "Yes, we will change the world / Because we’ve done so / Many times before", singt Spechtl zuversichtlich auf dem ersten Stück, "Openings", das leise, fast zärtlich, mit sehnsuchtsvollen Piano- und Saxofonklängen beginnt.

Auf diese programmatische Einleitung folgt mit "The Separate" ein veritabler Hit, nicht nur für die Indiedisco. Zum deutsch-englischen Text lässt Spechtl einen treibenden Synthie-Rhythmus erklingen, der erst nach Kraftwerk, dann nach den polyrhythmischen Experimenten von Brian Eno und David Byrne klingt. Damit aber keine Missverständnisse aufkommen, folgt mit dem bestechenden "Hot Hell" ein wahrlich höllisches Zwischenspiel, nämlich eine Melange aus Vaporwave und verstörender Hypnagogie, das man durchaus als eine musikalische Gegenwartsdiagnose verstehen darf.

Insgesamt ist Spechtl auf "Strategies" wieder mehr zu songorientierten Strukturen zurückgekehrt, freilich ohne hinter dem mit "Thinking About Tomorow . . ." erreichten Klangkonzept zurückzufallen. Seiner Stimme gewährt er mehr Raum als auf dem Vorgängerwerk, seine fast durchwegs englischen Texte werden dabei mehr skandiert als gesungen.

Geisterbeschwörung

Ins Spanische wechselt Spechtl auf "When We Were Young", wo der literarische Songwriter Spechtl sich auf die nach Mexiko geflüchtete Kommunistin Anna Seghers und deren Emigrationsschicksal als Verfolgte des Faschismus bezieht und daran erinnert, was an erzwungener Migration global allenthalben unverändert passiert.

Der Closer mit dem Titel "Structures" beschließt ein intelligentes, von spannungsvollen Bögen bestimmtes Album mit einer musikalischen Geisterbeschwörung aus dem Analog-Synthesizer, wobei Spechtl "Yes, it is easy to go crazy sometimes" konzediert, aber die Hörerschaft zugleich anspricht und gegen alle Resignation und Selbstvorwürfe wiederholt "It is not your fault" versichert.

Unvorhersehbar ist aktuell, wohin die weitere künstlerische Reise des Andreas Spechtl führen wird: zu einem Roman vielleicht, einer neuen Ja,-Panik-Platte oder einem weiteren Soloalbum, das sich womöglich aus seiner Zusammenarbeit mit dem österreichischen Dramatiker Thomas Köck (auch er ein Exil-Berliner wie Spechtl) unter dem Projektnamen Ghostdance entwickeln könnte.

Alles ist offen, und die Musik von Andreas Spechtl macht die Verweigerung, sich den Vorschriften jeglicher Art zu beugen, für alle hörbar.