Ende Gelände: Hayden Thorpe geht solo. - © Broomberg & Chanarin
Ende Gelände: Hayden Thorpe geht solo. - © Broomberg & Chanarin

Dass Auseinandergehen schwer ist, weiß man nicht nur aus einem, sagen wir, Austropop-Hit rezenteren Datums - sowie aus eigener Erfahrung, den gefühlten 780 letzten Trennungen im engsten Freundeskreis und noch einmal einer Zehnerpotenz davon, wenn man sich an die Buntblattlektüre vom letzten Friseurbesuch erinnert. Aktuell reicht es auch, an den Brex- oder den österreichischen Koalexit zu denken, damit Bilder von Rosenkriegen und öffentlich gewaschener Schmutzwäsche, eingebettet in Dramen in unzähligen Akten, vor dem geistigen Auge entstehen - falls sich der rare Moment ergibt, dass im Fernsehen gerade keine Sonder-"ZIB" laufen sollte.

Es ist auf österreichischer Regierungsebene also vorbei - bye, bye. Und es heißt neben "Schicht im Schacht" und "Ende Gelände" gerade in diesem Fall in spezieller Schreibweise definitiv auch "aus/maus". Scheiden tut weh und ist etwas für die ganz Harten unter uns, wenn die Angelegenheit auch noch Bilder des gewesenen Innenministers auf Abschiedsbesuch bei seinen Pferderln inkludiert. Das kriegt nicht einmal ein Rosamunde-Pilcher-Stoff hin, den man mit einem Splatterfilm kreuzt, in dem Leberkäse gemacht wird.

Apropos hart, sehr hart: Wenn es darum geht, den Zustand des Sich-Trennens oder Verlassenwerdens und vor allem die Folgen davon zu besingen, kann das Feld nicht auf immer und ewig George Michael mit "Careless Whisper" (schluchz!), Coldplay mit "The Scientist" (heul!) oder Toni Braxton mit "Un-Break My Heart" (buhu!) überlassen werden. Zumindest für den Bereich einer gewissen popmusikalischen Nische, in der man Leute wie den heuer verstorbenen großen Talk-Talk-Mastermind Mark Hollis in seiner Spätphase oder eventuell auch James Blake verortet, bringt sich derzeit also Hayden Thorpe schon einmal in Stellung.

Der Brite trat ab den späten Nullerjahren mit seinen Wild Beasts in Erscheinung. Gemeinsam ging es vom barocken, noch durchaus zum Bandnamen passenden Debütalbum "Limbo, Panto" mit den Nachfolgewerken "Two Dancers" und "Smother" hin zu zeitlosem Indiepop mit schwelgerischer Note, der in einer gerechteren Welt ein breites Publikum hätte finden müssen, in der grauen Realität aber nach einer Neuausrichtung unter Produzent John Congleton mit "Boy King" 2016 versandete und im Jahr darauf zur Bandauflösung führte.

Hayden Thorpe zog sich zurück, um die Jahre in einem fixen (Band-)Gefüge ebenso zu reflektieren wie in Echtzeit gleich auch seine Neuerfindung als Solist. Die davon angestoßene persönliche und künstlerische Veränderung zeitigte etwas, das den Mann aktuell von einer "Trennung von einem vergangenen Selbst" sprechen lässt. Diese kennzeichnet die zehn weitgehend auch als klassische Breakup-Songs hörbaren Lieder seines nun vorliegenden Solodebüts mit dem Titel "Diviner".

Erstversorgung am Klavier

Darauf gelingt das Kunststück, zwar große Gefühle in Musik zu übersetzen, auf der Metaebene und in der Mittelwahl aber nichts zu überladen. Abgesehen vielleicht vom Gesang selbst, der mitunter als das wahrscheinlich eindringlichste Falsett seit Jimmy Somerville daherkommt, und dem einen oder anderen Sound aus der Zuckerdose geht es darum, die Arrangements grundsätzlich schlank zu halten - und ihnen genug Luft zum Atmen zu lassen.

Ausgehend von einer waidwunden Meditation am Klavier zur Akutversorgung stehen neben klassischer Pop-Grandezza mit sanftem Outer-Space-Touch auch Ambientsphären auf der Agenda, wenn Hayden Thorpe im Instrumental "Spherical Time" erklärt, dass er bereits auch mit dem Elektroniker Jon Hopkins gearbeitet hat.

Dazu geht es 37 einnehmende Spielminuten lang im Fleh- und Oh-weh-Modus schlicht und ergreifend um "Earthly Needs" (und das Scheitern daran) oder darum, als Zustand auf zwei Beinen keinem geraden Weg mehr nachzukommen, weil das Gefühl der Entfremdung längst seine Wirkung zeigt. Ängstlichkeit und Rotz und Wasser, die Feststellung, dass "Love Crimes" begangen wurden und "Goodbye" trotzdem ein verrücktes Wort ist. Zu überprüfen derzeit übrigens auch in Kurt Razellis türkis-blauer "Auseinandergehen ist schwer"-Variation "Genug ist genug" auf YouTube.