Ob es in den USA so etwas wie eine Hacklerregelung gibt, muss aus Gründen zwar ohnehin bezweifelt werden. Warum Kiss um Bassist Gene Simmons auch im Jahr 2019 noch auf der Bühne stehen - wenngleich im Rahmen der "End Of The Road World Tour" aktuell zum angeblich definitiv, also relativ sehr wahrscheinlich womöglich echt letzten Mal -, ist aber auch aus anderen Gründen zumindest erstaunlich. Immerhin denkt man live beim ungefähr vierunddreißigsten Gitarrensolo darüber nach, dass die Band nicht nur bereits gefühlte dreizehn Abschiedstouren mit sehr viel Kunstblut und nach Selbstmordattentat klingenden Detonationsgeräuschen zu hallenhohen Feuerbällen aus vom letzten Weltkrieg, also der letzten globalen Konzertreise übrig gebliebenen Kanonen absolviert hat. Auch haben die Musiker nach viereinhalb Jahrzehnten im Geschäft mittlerweile selbst auf regulärem Weg ausreichend viele Beitragsjahre beisammen, um die Pensi entspannt in einem Natur- oder Steuerparadies in der Südsee zu verbringen, in dem es sich als Rockmillionär gut aushalten lässt.

Über die karrierelang erschwerten Arbeitsbedingungen und Berufsrisiken, von denen Geschlechtskrankheiten und Drogenprobleme noch die geringsten sind, haben wir da noch gar nicht gesprochen: Wie man am Mittwoch also auch in der ausverkauften Wiener Stadthalle erleben kann, muss man das erst einmal aushalten wollen, täglich mehr als zwei Stunden auf waffenscheinpflichtigen Plateauschuhen und mit Katzenschminke im Gesicht zu demonstrieren, dass es für ein Altern in Würde bereits seit den 80er Jahren eindeutig zu spät ist.

Zu eh lauter Musik und definitiv sehr lauten pyrotechnischen Explosionen bewegt sich die Temperatur relativ bald sogar in den hinteren Reihen in Richtung finnische Sauna. Wie sich das erst in definitiv nicht atmungsaktiven Gummihosen im Klaus-Nomi-Gedächtnis-Design beim Schwingen der Gitarren und Verprügeln des Schlagzeugs unter glühenden Beleuchtungskörpern anfühlen muss: Man will es gar nicht wissen.

Halloween zu Silvester

Sänger und Rhythmusgitarrist Paul Stanley moderiert stimmungsbefördernd mit heiserer Krächzstimme in knappen Zwischenansagen hinsichtlich des Rockens und Rollens und Partymachens in "Vienna, are you ready?!?" die simplizistisch-programmatischen Songs eines weiteren Greatest-Hits-Konzerts an: "Shout It Out Loud", "I Love It Loud" (Kiss mögen es laut), "Heaven’s On Fire" (Kiss mögen es heiß), "Lick It Up", "Calling Dr. Love", "Love Gun" und natürlich und selbstverständlich auch "I Was Made For Lovin’ You" (Kiss nehmen das Risiko einer Geschlechtskrankheit jederzeit sehr gerne in Kauf). Außerdem unterhält Eric Singer uns ewige Kinder im Publikum mit einem gewitzten Schlagzeugsolo und Gene Simmons mit seiner immer noch kapitalen, sexuell vorteilhaften Zunge. Es gibt Konfettiregen und sehr viele Ausflüge mit sehr hohen Hebebühnen, den Stoff, aus dem die Blunzen sind, Dampf, Nebel und Rauch. Kiss lieben den Geruch von Schweizerkrachern am Abend. Es ist, als wäre Halloween plötzlich zu Silvester, nur dass es keinen Walzer spielt, sondern Hardrock, den man mitsingen kann.

Mit "Beth" als das "Mama, I’m Coming Home" aus der Feder von Kiss geht es auf symphonisch abgefederter Balladenbasis langsam dem Ende zu. Die große Fahrt endet hier, einmal muss Schluss sein, die Band darf sich jetzt bitte abschminken gehen. Sie hat sich ihre Pensi redlich verdient.