Über die bandseitige Ausrufung eines totalen Mitschnitt- und Fotoverbots unter Zuhilfenahme des Smartphones kann man natürlich diskutieren. Zumal die Überwachung und das Androhen oder Exekutieren von Konsequenzen durch die Ordnungskräfte vom Geschehen auf der Bühne ungefähr im gleichen Maß ablenkt, als wenn bei einem durchschnittlichen anderen, von erheblich jüngeren Menschen besuchten Konzert die Wiener Stadthalle zur Selfiehölle mutiert, in der es aus dem Publikum strahlt und blitzt wie sonst nur vom Himmel über einer nicht lichtverschmutzten Region unserer schönen Hoamat Österreich in den Bergen.

Die US-Band Tool ist aber nicht nur in ihrer grundsätzlichen Verweigerungshaltung interessant, die etwa einen Boykott von Streamingdiensten wie Spotify oder einen Sänger inkludiert, den man auf der Bühne nicht sehen kann, weil er sich lieber im Schatten des Schlagzeugs verschanzt, um von dort aus im Wesentlichen überhaupt nicht mit seinen Fans zu kommunizieren. Ob man das jetzt als weltabgewandt, schüchtern, frech oder nobel zurückhaltend zugunsten der Tatsache betrachten mag, dass Tool doch tatsächlich ihrem Bassisten und Gitarristen die erste Reihe und das Rampenlicht überlassen, es ist Auslegungssache.

Tool in Wien: Fotoverbot!
Tool in Wien: Fotoverbot!

Wenn man jedenfalls das Glück und Pech hat, vorne seitlich zu sitzen, also die für die Band prototypisch zentralen, wahlweise psychedelisch, endzeitlich oder zumindest nicht gänzlich dem Licht und der Sonnenseite der Existenz verschriebenen Visuals nur unzureichend zu sehen, kann man Maynard James Keenan dafür verstohlen dabei beobachten, wie er unter seiner Keith-Flint-Gedenkfrisur oder zumindest dem steilsten Irokesen seit Sascha Lobo erratische Regentänze aufführt. Auswirkungen auf den ortsansässigen Heurigenwein aber hatte das nicht. Es blieb am Mittwoch dann eh trocken wie ein Achterl Grüner Veltliner, wobei einem einfällt, was an dieser Band auch noch interessant ist.

Gut ausgebaut

Maynard James Keenan mag sich zuletzt zwar als Nebenerwerbsweinbauer sowie mit seinen Projekten Puscifer und A Perfect Circle beschäftigt gehalten haben. Eine mittlerweile 13-jährige Veröffentlichungspause und ein seit Jahren angekündigtes und immer wieder verschobenes neues Tool-Album (Machwerk Numero fünf soll jetzt wahrscheinlich definitiv eh vielleicht im August erscheinen) aber erklären zusammen mit der ausverkauften Wiener Stadthalle, dass diese Band im harten Kern ungefähr so gut mobilisiert, wie man das sonst nur von klassischen "Jetzt erst rechts"-Parteien kennt, die uns Peter Filzmaier erklären muss.

Auf der Bühne jedenfalls demonstrieren Tool bereits ab dem Intro ihre Sonderstellung im am Prog-Rock mitgeschulten sogenannten Alternative Metal mit Querbezug zum Unheil des Kollektiven (der Welt) und des Individuellen (der Seele und des Selbst) und den Lehren von C. G. Jung. Unter besonderer Berücksichtigung vertrackter Rhythmen und zahlreicher Wechsel der Taktart unter Patronanz des Galeerentrommlers Danny Carey sowie mit nicht zu knappen Machtdemonstrationen an sehr vielen sehr oft ausgetauschten Gitarren ging es auch in Wien darum, mit nur 13 – wie wir Weinbauern sagen – gut ausgebauten Songmonolithen auf eine Konzertdauer von rund zwei Stunden zu kommen. Das führte trotz aller Verweigerungshaltung auf und vor der Bühne bereits beim zweiten Stück des Abends zum Singalong. Inhaltlich auf wenig Hoffnung hatte davor schon "Aenema" von 1996 eingeschworen: "Some say the end is near!"

Zwischen "Hits" dieser auf Präzision und Hochleistung und Konzentration bedachten Kunst wie "Schism", Klassikern wie "Parabol/Parabola" oder "Stinkfist" zum Abschluss sowie vor einer Konzertpause (über die Überschneidungen des Prog-Milieus mit dem Opernbetrieb dann ein andermal mehr) stießen auch die überraschend guten und im Stakkato sehr, sehr wirkungsmächtigen neuen 12-Minüter "Descending" und "Invincible" bei Gastauftritten von Hamlet und Caligula in eine ähnliche Kerbe: "Fearful throughout this night / This endless horror fable / This madness / Of our own making."

Dazu sah man die Erde vor feuerrot-postapokalyptischem Himmel als bloßen Ascherest, ehe die Abspannmusik nach Konzertende ausgerechnet von Abba kam. So viel Humor hätte man Tool ja eigentlich nicht zugetraut.