Der Kopf hinter Sinkane: Gallab. - © Daniel Dorsa
Der Kopf hinter Sinkane: Gallab. - © Daniel Dorsa

Mit einiger Sicherheit ist "Dépaysé" nicht Sinkanes bisher bestes Album. Für diese Auszeichnung sind der fein abgestimmte, "Life & Livin’ It" betitelte Vorgänger aus dem Jahr 2017 wie auch das aufgeweckte "Mean Love" von 2014 "objektiv" würdigere Kandidaten.

Und trotzdem ist klar, dass dieser neue Longplayer für seinen Schöpfer nicht nur deshalb eine Schlüsselposition im Gesamtwerk einnimmt, weil er der "ominöse" siebente ist. Er ist auch das große persönliche Statement des 1983 in London als Sohn sudanesischer Eltern geborenen heutigen New Yorkers Ahmed Abdullahi Gallab, der als Sänger, Multiinstrumentalist und Songschreiber zusammen mit seinen hochkarätigen Begleitmusikern für den mittlerweile (zu Recht) hoch gehandelten Namen Sinkane steht.

Politische Begleitmusik

Der Titel "Dépaysé" basiert auf dem französischen Wort gleichen Namens, kann ungefähr mit "aus der gewohnten Umgebung herausgerissen" übersetzt werden und ist in etwa der jüdischen Diaspora vergleichbar.

Er bezeichnet solchermaßen die Befindlichkeit Gallabs als US-Amerikaner sudanesischer Herkunft und Muslim, der sich von der Religion nicht das Leben diktieren lassen möchte. "Freunde meiner Familie sagen, du bist kein echter Sudaner. In den Staaten sagen sie, du bist nicht wirklich ein Amerikaner. Schwarze sagen, du bist kein richtiger Schwarzer. Muslime sagen, du bist so seltsam, du kannst kein Muslim sein", beschreibt der 36-jährige Sänger, Songschreiber und Multiinstrumentalist im Interview mit der "Wiener Zeitung" diese Identitätsverwirrung, die er, unter besonderer Berücksichtigung der politischen Begleitmusik unter Trump & Co, diesmal auch zum Thema des Albums gemacht hat.

Wie es einem Statement auch bestens ansteht, beginnt "Dépaysé" mit einem Slogan-Song à la John Lennons "Give Peace A Chance" oder Bob Marleys "Exodus": "Everybody means everybody", skandiert Gallab, sein himmlisches Falsett auf Power-Modus und begleitet von ungefähr 117 Stimmen, so oft, dass es selbst der hartnäckigste Ignorant nicht überhören kann.

Am Ende ergeht dann eine Kette von Botschaften - eine davon an "the one who keep’s sayin’ to make America great again". Laute, aufgewühlte Gitarren geben die Richtung für die folgende halbe Stunde vor: Der Sound ist "härter" und, ja, rockiger geworden. Lead-Gitarrist Jonny Lam kann mehr als einmal zeigen, dass er ein Ass an seinem Instrument ist, aber der Subtilität in Sinkanes Mischung aus Soul, Funk, Reggae, Elektronik und afrikanischer Polyrhythmik und Melodik setzt das aufgedonnerte Klangbild dann doch etwas zu.

Gallab indes ist sehr zufrieden, sich mit dieser Platte dem Live-Sound angenähert zu haben: "Ich wollte schon lange ein Album wie dieses machen. Es ist manchmal bei der Studioarbeit schwer, deine Gefühle so auszudrücken, wie du es live machst. Dazu kommt, dass ich früher viel allein gearbeitet habe. Und das war, wie ich erkannt habe, der Grund, warum ich nicht immer alles so rüberbrachte, wie ich es wollte. Ich brauche zum Aufnehmen die Band um mich. Ich wollte immer den Vibe, den ich im Studio aufgreife, mit der Energie der Live-Performance verbinden, und das haben wir, denke ich, hier ganz gut hingekriegt."

Arabisch intoniert

Sinkane-Platten vermögen auffällig umfassend musikalische Erfahrungen aus verschiedenen Epochen aufzurufen: "Mean Love" war eine gleichermaßen nostalgische wie anregende Zeitreise vom 50er-Jahre-R&B bis hin zu Früh-80er-New-Wave; "Life & Livin’ It" ein konzentrierter, gefühlvoll getakteter Streifzug durch die Club- und Disco-Szene der 90er.

"Dépaysé" nun steht im Zeichen der Psychedelia: Von ihren eher gröberen Funk-Rock-Ausläufern wie "Everyone" über vertrackte Midtempo-Balladen ("Be Here Now") und melodiös-beschwingte Stücke wie "The Searching" bis zum ausladenden, von einer aufwühlenden Gitarre eingeleiteten und im Refrain arabisch intonierten Titeltrack, der mit gedämpftem Reggae-Rhythmus entfernt einem länglicheren Song des späten Bob Marley ähnelt.

Gallab lacht bei dieser Beschreibung leise auf und meint: "Ich hätte es nicht so gesehen. Aber tatsächlich habe ich viel Bob Marley gehört, als ich dieses Album gemacht habe. Reggae spielt eine wichtige Rolle in meiner Musik. Reggae, psychedelische und afrikanische Musik verbindet eine erstaunliche Verwandtschaft in ihrem träumerischen Feeling, und je mehr ich schreibe, desto mehr bin ich imstande, alles zu verschmelzen."