Wer den Auftritt des Meisters 2014 im Wiener Rathaus-Arkadenhof besuchte, gehörte a) sehr wahrscheinlich zu den eingeschworenen Bewunderern von Dr. John, war b) voraussichtlich kein Fußballfan oder fühlte sich c) an eine Zeile des am 20. November 1941 als Malcolm John Rebennack in New Orleans geborenen Musikers erinnert, die auf ihn selbst und seine Karriere nicht zutraf: "I been in the right place / but it must have been the wrong time."

Immerhin navigierte sich der damals 72-jährige Musiker, Sänger und Songwriter im Rahmen des Jazz Fest Wien zwar körperlich angeschlagen, musikalisch aber nach wie vor gewinnend durch eine Werksichtung, während die deutsche Fußballnationalmannschaft zur selben Zeit den WM-Gastgeber Brasilien mit 7:1 aus dem Wettbewerb schoss. Und apropos schoss: Seine Karriere als Gitarrist wurde zwar bereits um 1960 durch einen Zwischenfall gestoppt, bei dem eine Schusswaffe involviert war. Für den im Alter von 13 Jahren von seinem Vorbild und Mentor, dem gleichfalls aus New Orleans stammenden Bluessänger und Pianisten Professor Longhair ins Geschäft geholten Music Man in Malcolm Rebennack aber gab es schon damals kein Halten mehr.

Nach Ursprüngen als (auch in späteren Jahren) gefragter Sessionmusiker und Teil der "Wrecking Crew" sang, schrieb und spielte er (an Klavier und Keyboards) bald von Los Angeles aus für Namen wie Frank Zappa, Canned Heat oder Sonny & Cher. Und er erweiterte seine bereits in der Kindheit und Jugend kultivierte Voodoo-Vorliebe auf Tuchfühlung mit dem Untergrund inklusive einer erst im Jahr 1989 überwundenen Heroinabhängigkeit in der Kunstfigur Dr. John ab 1968 auch als Solo-Act.

Das Debütalbum "Gris-Gris" kombinierte den Rhythm and Blues seiner Heimatstadt mit (weißem) Psychedelic Rock und schamanisch-tribalistischem Einschlag. Im Jahr 1972 wurde das Album "Dr. John’s Gumbo" nicht nur zu einer musikalischen Hommage und einem Meilenstein der Stadt New Orleans (und sein Schöpfer endgültig zu deren großem Sohn), es definierte mit dem titelgebenden Eintopf auch die lebenslange Vermengung diversester Spielarten, die neben den bereits erwähnten auch Funk, Soul, Jazz oder Cajun inkludierte. Kommerziell ging sich für Dr. John mit "Right Place, Wrong Time" zwar nur ein Top-10-Hit in den US-Billboard-Charts aus, dafür aber stehen auch insgesamt sechs Grammy Awards auf der Habenseite.

Dr. John spielte Klavier für die Rolling Stones ("Let It Loose", 1972) und produzierte gemeinsam mit Van Morrison dessen 1977er-Album "A Period Of Transition". Bereits als lebende Legende gefeiert, verdingte er sich 1989 als Tourmitglied für Ringo Starr und seine All Star Band und fand als Gastmusiker für Jason Pierce und dessen Band Spiritualized 1997 auch Schnittmengen im Genre des Space-Rock.

Nach Jahren der Routine zwischen Standards und Boogie-Woogie wurde Dr. John schließlich 2012 mit dem fantastischen Album "Locked Down" unter Schützenhilfe von Dan Auerbach (The Black Keys) auch für junge Hörergenerationen wieder interessant. Mit "Ske-Dat-De-Dat: The Spirit of Satch", seiner Verbeugung vor Louis Armstrong, war dem Altmeister dann aber nur mehr ein weiteres Studioalbum vergönnt.

Am Donnerstag ist Dr. John 77-jährig einem Herzinfarkt erlegen. Es bleibt zu hoffen, dass der Voodoo-Arzt bereits in anderen Sphären ordiniert.