Der große Sieger steht auch heuer schon fest, noch ehe der letzte oder auch nur der erste Ton am Nova-Rock-Festival im burgenländischen Nickelsdorf im Grenzland zu Ungarn gespielt oder gesungen sein wird: Neben dem ohnehin jährlich rollenden Rubel, dem schnöden Mammon, dem Knödel und der lauter als jede Metal- oder Noiserockband unseres Sonnensystems klingelnden Kassa ist vor allem die gelebte Routine ganz vorne mit dabei, wenn es auf den Pannonia Fields um die Ernte und den Dank gehen soll.

Immerhin haben wir es auf der Habenseite nicht nur auch heuer wieder mit einem Line-up zu tun, das sich in einem Ausmaß aus den seit Jahren unveränderten Kontaktadressen im Telefonbuch des Veranstalters speist, dass davon selbst das Jazz Fest Wien noch etwas lernen könnte.

Auch und vor allem wurde mit der Verlängerung des Nova-Rock-Bleiberechts auf dem Areal durch das Land Burgenland bis zunächst ins Jahr 2026 gerade erst dem alten österreichischen Grundbedürfnis nach keiner Veränderung vertraglich nachgegeben. Und wahrscheinlich hat es ja auch einen Grund, warum es immer schon war, wie es nach wie vor ist. Nehmen wir nur das Wiener Schnitzel als Vergleichsobjekt her. Erwartet da jemand Innovationen?

Über den Zusammenhang oder Widerspruch zwischen dem bockigen Rock-’n’-Roll-Gewerbe ("Fuck the system!") und Schlagworten wie Planungssicherheit oder Durchführungsgarantie in Zusammenhang mit Versicherungsagenturen und der Lokalpolitik könnte man jetzt zwar grundsatzphilosophische Diskussionen führen. Aber warum, wenn sich knapp 220.000 Besucher freiwillig einfinden werden, ohne etwa gleich zum Auftakt am Donnerstag auch nur einen im Ansatz würdigen Headliner geboten zu bekommen?

Ach ja, Musik ist am Nova Rock bekanntlich schon immer nur Begleitmusik und Würde ein sehr dehnbarer Begriff. Hallo, es geht vordergründig immer noch darum, die Festplatte vor der Nachmatura unter Zuhilfenahme alkoholhaltiger Getränke in Kombination mit Schlauch und Trichter einmal so richtig gründlich zu löschen. Die einen nennen es Unvernunft, die anderen sagen "Raum für Neues schaffen" dazu.

Allerdings sollte man der Jugend nicht Unrecht tun. Gerade auch Männer nach (oder ohne es noch zu wissen: kurz vor) der Scheidung im kessen Borat-Tanga, in Hasenkostümen Tiernamen schreiend oder mit "Gerti"-Schriftzug auf dem textilfreien Bierbauch sind Jahr für Jahr definitiv kein schöner Anblick. Aber sie sind eine Realität, die paradoxerweise aus dem Wunsch nach Eskapismus entsteht.

Und apropos Realität: Am Donnerstag stehen als Headliner "Höhepunkte" wie die kanadischen Skate-Punks Sum 41 auf dem Programm - sowie die Gruselmasken-Experten einer SlipknotCoverband namens Slipknot.

Die Rettung: Die Ärzte

Die darf die etwa auch in Sachen Suchtmittelgesetz noch auszulotenden Toleranzgrenzen der Exekutive vor Ort einmal abchecken: Stichwort Vermummungsverbot. Glücklicherweise werden aber eh bereits im Nachmittagsprogramm als Sonderkommando die Kolleginnen von Pussy Riot vorgeschickt, die nicht nur diesbezüglich schon mehrmals bewiesen haben, dass sie ihrem Bandnamen zum Trotz tatsächlich Eier haben.

Am Freitag setzt es ein letztes Wiederhören mit den Thrash-Metal-Heroen Slayer auf heimischem Boden. Sie sind den Headlinern des Tages in Sachen Pensionierungstour knapp voraus: Robert Smith und The Cure stehen sensationellerweise zwar vor der Veröffentlichung ihres ersten Albums seit mittlerweile elf Jahren, denken derzeit aber öffentlich gleichfalls über den Ruhestand nach. Das neue Material soll übrigens festivaluntauglich sein, wird zugunsten eines Best-of-Marathons aber ohnehin noch nicht präsentiert.

Der Samstag bringt die Toten Hosen und Halbstarken-Rap von Bonez MC & RAF Camora, am Sonntag heißt es Frühshoppen, bis die Rettung kommt. Die Rettung nennt sich übrigens Die Ärzte. Das Festival wird zu diesem Zeitpunkt schon sehr lange gedauert haben. Und man weiß ja nie.